Bildung: Von toten weißen Männern zum Wissen-Wollen?

Wer an Allgemeinbildung denkt, denkt oft an Kultur. Wer an Kultur denkt, denkt oft an Tote. Das dürfte eines der Imageprobleme von Bildung und einer der Gründe für die Bildungsmisere sein. Und: “Ich weiss eh” bedeutet nicht das gleiche wie “Wasser friert bei 0 Grad.” – Ein Beitrag zur twentytwenty-Blogparade über Allgemeinbildung.

Wer an Allgemeinbildung denkt, denkt oft an Kultur. Wer an Kultur denkt, denkt oft an Tote. Das dürfte eines der Imageprobleme von Bildung und einer der Gründe für die Bildungsmisere sein.
Dass sich Kultur und Bildung (in Europa) nach wie vor in erster Linie um weiße tote Männer dreht, ist ein Problem, dem sich mit verschiedenen Mitteln begegnen lässt: Mehr Frauen, mehr Zeitgenössisches, mehr andere Kulturen – mehr andere fade, in sich abgeschlossene und benutzerunfreundliche Regelsysteme.
Das wird aber nichts daran ändern, dass Bildung als freiwilliges Add-on für Langeweiler verstanden wird.
Noch schlimmer triffts die Allgemeinbildung: Das, was eh jeder weiss/wissen sollte, das, wonach man nicht fragen darf, ohne sich zu blamieren, das, wozu jeder eine Meinung hat. Und nicht unbedingt erwas, was man wirklich brauchen könnte…

Mein Leben hatte viel mit Bildung im engeren Sinn zu tun. Für die letzten zehn Jahre trifft das weniger zu. Gerade in der Zeit habe ich aber einen Haufen Dinge gelernt – mehr denn je -, die wohl nicht unter Allgemeinbildung fallen aber trotzdem kein geheimes oder unnützes Wissen darstellen: Das reicht von Beton-Festigkeitsklassen und ihrer Verarbeitung, Eigenschaften unterschiedlicher Holzsorten, Arbeiten mit Linux oder Rabattpolicies in unterschiedlichen Branchen über Trainingsphysiologie bei Mensch, Hund und Pferd, Ernährungsgewohnheiten von Degus, Traktions- und Bremsverhalten unterschiedlicher Mountainbikerahmen up- und downhill oder das Verhalten von Segelbooten oder Kanus bei unterschiedlichen Wasserverhältnissen bis zu neuen Fremdsprachen und ein paar direkter berufsbezogenen Dingen.

Aus jedem dieser Wissensgebiete kann man einen Job machen. Nichts davon fällt unter die Art Bildung, die in Schulen vermittelt wird. Schlecht für mich? Oder schlecht für die Bildung?

Nichts davon ist Wissen, das ich einfach weiß, oder das allein durch die Tatsache, dass ich es weiß, einen großen Unterschied produzieren würde. Vieles davon merke ich mir auch nicht. Aber ich weiss, wozu ich es brauche, und ich weiss, was die wichtigen Fragen sind, die ich mir stellen sollte, bevor ich wirklich wieder etwas von diesem Wissen brauchen sollte.
Was ich also gelernt habe, ist weniger reproduzierbares Wissen, sondern es sind Haltungen, Einstellungen und Techniken. Ein paar davon sind wohl auch Bildungsziele, die zu vermitteln man auch von Schulen erwarten könnte:

  • Wissen dass es Wissen gibt. Die schlechte Seite: Wir sind nicht allein. Die gute Seite: Ich muss nicht alles selbst ergründen und begründen. Manche Dinge haben nachvollziehbar einen Grund…
  • Respekt vor Wissen: Wissen ist nicht gleich Wissen. “Ich weiß eh” bedeutet nicht das gleiche wie “Wasser friert bei 0 Grad”. – Bloß wo verläuft da die Grenze?
  • Das führt mich zu den Techniken: Finden, Sammeln, Bewerten – sind die zentralen Skills, und so merkwürdig es uns vielleicht vorkommt, wenn Autoren wie Borges über die Wichtigkeit einer Bibliothek schreiben, so ungewohnt ist es für andere, dass ausgerechnet diese Skills immer abstrakter und digitaler werden. – Ist das so? Darüber haben im Rahmen dieser Blogparade schon andere geschrieben

Und? Inhalte gibts tonnenweise und überall. Das vorrangige Ziel von Bildung sehe ich darin, zu vermitteln, was Verstehen ist – und dass das nicht nur tatsächlich hilfreich und praktisch ist, sondern irgendwie auch menschlich…

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