Vielleicht liegts ja am Frühling oder an immer kürzer werdenden Veraltungs-Intervallen oder daran, dass sich wirklich etwas ändert. Ich werde auf Facebook von Leuten kontaktiert, die ich noch als nicht des PC-Einschaltknopfs kundig in Erinnerung habe (was ich sehr begruesse), höre immer öfter von Leuten, die das ganze social-Zeugs total toll finden, nur nicht wissen was sie damit eigentlich anfangen sollen (denen ich immer den Rat gebe, es einfach auszuprobieren) und höre und lese immer lustigere pro- und kontra-2.0-Dikussionen. Dabei geht es vor allem immer wieder um den Schwerpunkt der Medien an sich; werden Medien durch 2.0-irgendwas berührt, betroffen, verändert - oder handelt es sich hier um Welten, die einander nicht berühren.
Das Dilemma dieser 2.0-orientierten Diskussionen ist oft, dass werteorientiert diskutiert wird, nicht faktenorientiert. So auch, wenn es um Medien geht: Sollvorstellungen von Journalisten, Kommunikation, Journalismus werden Bildern von Usern gegenüber gestellt; Idealvorstellungen von Reportern gegenüber verblassen uninformierte mittelmaessige Blogger.
Einen Teil dieser Diskussion hatten wir hier; lesenswert ist auch das Interview mit Cyburbia-Autor James Harkin, der Social Media-User mit Pädophilen am Spielplatz vergleicht.
Gut recherchierende, Stories prüfende und abwägende Journalisten, die grosse Zusammenhänge herstellen und erklären können, Kontakte, Erfahrung und einen grossen Horizont haben, sind natürlich einem googlenden Hobbyblogger überlegen.
Ich habe mit dieser Darstellung nur zwei Probleme:
1) Ich kenne keinen solchen Journalisten. Ich kenne und kannte viele, aber keinen, der mehr wusste, als sich anderswo recherchieren liess, der mehr Information verarbeiten konnte, als in Büchern (die online gesucht, verglichen und bestellt werden koennen) nachgelesen werden kann, der ueberzeugender war, als die erlebte Praxis.
Der direkte Draht zu Wissenstraegern und Entscheidern ist wertlos, denn dazwischen steht immer das Subjekt, das die Geschichte aus seiner Sicht erzaehlt - sofern der Anzeigenverkauf zulaesst, dass ueberhaupt etwas erzaehlt wird.
Tatsachen sollen dem Weltbild der Leserschaft entsprechen, oder es gezielt stoeren; Tatsachenberichte sind aber nie unabhängig davon. Sie sind immer doppelt - durch die Sicht des Autors und die für das jeweilige Medium herrschende Lehre - gebrochen. Im besten Fall machen sie Lust, sich die Dinge selber anzusehen.
Welches Medium schliesslich leistet sich noch reflektierende, persoenlich recherchierende Journalisten? Damit meine ich nicht, sich zu Pressekonferenzen oder auf Pressereisen zu bemuehen, sondern die vielen Termine, die nichts bringen, die Lokalaugenscheine und persoenlichen Gespraeche, die auch durch Agenturfotos oder Telefonate abgedeckt haetten werden koennen - aber einfach den Horizont erweitern, und irgendwann, im richtigen Moment, der richtigen Story den richtigen Rahmen verpassen.
2) Ich kenne keine solchen Blogger bzw. keinen Grund, warum man sich mit nur googlenden Hobbybloggern, die Schreiben durch Copy & Paste ersetzt haben, beschäftigen sollte.
Medienunternehmen begegnen mir weniger als aufklaererische, grosszuegige Unternehmungen, die sich einem sozialen Zweck verschrieben haben, sondern eher als kommerziell orientierte Organisationen, die Inhalte nach Rezept auswählen, verpacken und verteilen, dabei auf verschiedenen Weiden Anzeigenkunden und Sponsoren abgrasen und in ihren eigenen Grenzen wachsen.
Das Geschäft mit “meinen” Kunden und “meinen” Lesern hat oft ziemlich archaiche Zuege - es bilden sich Staemme, und wer auf der Weide des anderen grast wird gehaengt (darum geht es doch schliesslich in Auflagenkontrolle und Reichweitenanalyse).
Online Medien, Social Media stellem dem heute einige wesentliche Argumente entgegen:
- Der 2.0-Faktor steht dafür, dass das jetzt jeder kann. “Das” steht für Publizieren, Promoten , Dikutieren, nicht für gut schreiben, sinnvoll diskutieren oder zu Recht Promoten. Der 2.0-Faktor kennt keine Werte.
- Der Social-Faktor sorgt für Überschneidungen, für Wachstum, Verbreitung entlang ueberraschender Linien, fuer netzartige Zusammenhaenge und die Ausgesetztheit, Wehrlosigkeit; es gibt immer Publikum. Dadurch entsteht eine breitere Menge an Information, ein Querschnitt, den der beste Journalist im ausführlichsten Artikel nicht darstellen kann, eine Vielfalt an Perspektiven, die einfach Fakt ist.
Natuerlich gibt es immer mehr Zuschauer als Produzenten, und es gibt viele verzichtbare Produzenten. Auch das ist nicht neu. Und es ist kein wirklich zugkraeftiges Argument. Die Idee, dass nur das Beste gut genug ist würde - konsequent zu Ende gedacht - dazu führen, dass eine Zeitung pro Sprache genug ist.
Eigentlich eine bestechende Idee, vor allem für Zeitungsmacher: So würde zumindest das Abschreiben nicht so leicht entdeckt. (Andererseits haette es den Nachteil, dass zum Abschreiben Fremdsprachenkenntnisse erforderlich waeren - also muessten Journalisten zumindest irgendwas gelernt haben. Ok, das letzte nehme ich hoeflichkeitshalber zurueck.)
Nur gut, dass das Beste subjektiv ist.
Neben dem Qualitaetsaspekt bringen Medien-2.0-Kritiker auch immer noch die Ueberfrachtungskeule mit ins Spiel: Wir koennen das alles doch gar nicht mehr wahrnehmen, wir sind nun mal nicht multitaskingfaehig, und das hundertste Informationsbruchstück wird uns auch nicht der Allwissenheit naeher bringen.
Wer glaubt das schon?
Online Medien, Netze, mobile Medien machen natürlich Information praesenter und aufdringlicher; ich koennte, wenn ich den Weckalarm des Blackberry fuer den naechsten Tag stelle, schnell noch mal Mails abrufen, ich koennte gleich als erstes in der Frueh, wenn ich den Wecker ausschalte, Mails lesen - und manchmal tue ich das auch. Genauso koennte ich auf die Geraeusche der Nachbarn achten oder Gespraechen in der U-Bahn lauschen. - Stoerend oder nicht ist keine Frage der Quantitaet, es ist eine Frage der persoenlichen Verfassung und Muendigkeit.
Was den Charme der Kombination von 2.0- und Social-Faktor im Medienbereich ausmacht, ist ja schliesslich auch die Filterfunktion: Jeder kann etwas beitragen, kommentieren, weiterleiten, und jeder kann dem anderen dabei zuschauen. Ich kann entweder selbst recherchieren - oder kann ich kann nur das auf meinen Tisch kommen lassen, was Leute, die oder deren Motive ich gut finde, gut finden.
Anonyme Pseudovernetzung mit Prominenz bleibt Stalking (oder freiwillige Rezeption von Propaganda, je nach Perspektive). Der Aufbau eines Empfehlungs- und Weiterleitungs-Netzwerks kann Kommunikation tatsaechlich effizienter machen - sowohl aktiv (meine Kommunikation verbreitet sich) als auch passiv (ich bekomme Hinweise, womit ich mich beschaeftigen soll).
Das aufzubauen, erfordert Zeit. Zeit erfordern neue Online Medien immer. Sie steigern nicht Effizienz, in dem sie Durchlaufzeit verkuerzen, sondern indem sie den Impact steigern.
- Social Media sind nachhaltig: Was ich heute poste, bleibt auf unbestimmte Zeit lesbar.
- Sie koennen von einem unbestimmten Empfaengerkreis gelesen werden, nicht wie Mails nur von namentlich definierten Empfaengern.
Sie filtern, verdichten und verzweigen zugleich: Es bilden sich Schwerpunkte, Gemeinsamkeiten, die marginalisierte Standpunkte uebertoenen. Die ueberall praesenten Beziehungen fuehren aber gerade auch immer wieder zu den Marginalien; die Verbindung reisst nie ganz ab. - Es erfordert eben auch Zeit, diesen Verzweigungen nachzugehen.
- Umso fahrlaessiger, eigentlich schlicht wertlos ist es, dem Social-Aspekt mit saloppen Pauschalierungen zu begegnen. Ausprobieren, sollte die Devise heissen - den Rest koennen wir beim besten Willen nur ignorieren.
Trotzdem moechte ich nicht vorenthalten, was fahrlaessige Kulturkritik ausloesen kann.
Eine zur Gaenze 2.0-unbeleckte Bekannte hat die Praesentation des aktuellen Buchs des ORF-Journalisten Gerald Gross (von diesem selbst) etwa so verstanden:
- Wir produzieren taeglich so viele Daten, dass diese - in welcher Form auch immer materialisiert - von hier bis sonstwohin reichen wuerden. Diese Information ist Datenmuell par excellence, mit Verlaub.
- Wir werden so oft aus unserer Konzentration gerissen, dass wir eigentlich nicht mehr arbeiten koennen. E-Mail und Telefon erzeugen so viel Ablenkung, dass wir immer mehr Zeit brauchen, um uns wieder auf den Job zu konzentrieren. Stimmt. Deshalb: Aggregierte, vernetzte, auch spaeter und auch fuer andere zur Verfuegung stehende Information und Kommunikationsmedien, die das unterstuetzen, koennen Abhilfe schaffen
- Teenager haben sich aus enttaeuschter Liebe zu einem Fake-Facebook-Charakter schon mal was angetan. Schlimm. Trotzdem moechte ich das ignorieren. Und lade jeden, der das gern ausdikutieren moechte, zu einer Fahrt im Schulbus mit all den alltaeglichen realen Graumsamkeiten eines Kinderlebens ein.
- Mark Zuckerberg traegt fuer einen CEO sehr legere Kleidung und verdient recht viel Geld
Und das nach einem Abend Face-to-face-Kommunikation. Mit einem Profi-Journalisten!















