E 2.0: Vom Reden zum Handeln – “Hier geschieht ein Wunder”


Projektmanager kennen das: “…Und hier geschieht ein Wunder” – dieser Punkt ist, freiwillig oder nicht, fixer Bestandteil praktisch aller Projektplaene. Pro-Enterprise 2.0-Argumente erleiden oft ein aehnliches Schicksal: Die Argumentation startet mit Effizienz, Produktivitaet und Informationsvielfalt – und landet dann, nach einem undefinierten Wunder, bei Kreativitaet, Kompetenz, ja schlicht bei einem besseren Menschen.
Wie das?


Die Vortraege der Edumedia (23. und 24. Juni in Salzburg) beruehrten diesen Themenkreis immer wieder. Mit Erklaerungsansaetzen zu Enterprise 2.0 taucht auch viel Informationstheorie aus den Mottenkisten auf. Klaus North zeigte eines von mehreren Stufenmodellen in der Entwicklung von Information: Der Weg fuehrt von Zeichen ueber Daten zu Information. Daraus wird Wissen, das ermoeglicht Handeln. Wichtig ist aber Kompetenz (die Faehigkeit, das richtige zu tun) – und da garantiert erst Wettbewerbsfaehigkeit.
Entlang dieser Stufe nimmt die handlungsorientierte Komponente zu. Wir muessen nicht nur etwas tun, sondern wir muessen das richtige tun. – Und je mehr Optionen durch neue Informationen, weitere Vernetzung usw. entstehen, desto mehr Gelegenheiten haben wir, daneben zu greifen. Das ist die eine Sichtweise, die in Vernetzung und Vielfalt vor allem das Ueberflutungsproblem sieht.
Eine andere Sichtweise betont die Filterfunktion von Netzwerken: Natuerlich werden wir immer weitergeleitet, aber jeder Link, jede Empfehlung beruht auf unseren Beziehungen – wir folgen den Links von Leuten, die wir fuer gut halten, und jede Entscheidung fuer etwas bedeutet zugleich, zumindest fuer den Moment, auch eine Entscheidung gegen alles andere. Dahinter steht die Hoffnung, dass diese Entscheidung richtig ist.
Beim Handeln (was letztlich die Folge von Entscheidungen sein sollte), zaehlt schliesslich nicht die Menge, sondern Kreativitaet und Kompetenz sind wichtig: Es soll das richtige getan werden.
Dabei helfen Netzwerke, die uns den Ueberblick verschaffen und bei Auswahl und Filterung von Information helfen. Wie Dion Hinchcliffe auch in seinem Edumedia-Beitrag betonte: Wir haben weniger ein Informationsproblem, mehr ein Filterproblem. Entscheidend ist nicht, wieviel Information wir verarbeiten koennen, sondern wie wir die richtige Information auswaehlen.
Banal?
Gerade in der Auswahl des Richtigen unterstuetzen 2.0 Tools am effizientesten. Wir sehen nicht nur mehr (rein quantitativ betrachtet), wir bekommen auch mehr Hintergrund- und Kontextinformation mitgeliefert: Inhalte sind unter staendiger Bearbeitung, sei es direkt oder ueber Bewertungen, Kommentare, Verlinkungen und referenzierende Interpretationen. Insofern sind die Voraussetzungen gut, auch das Filterproblem zu loesen.
Die Chancen, Information in Wissen umzuwandeln und nutzen zu koennen, stehen also gut, aber es ist noch immer der Punkt offen, an dem aus Zeichen und Wissen Kompetenz im Sinn von praktischem Wissen wird. – Noch immer haben wir den Punkt, an dem irgendwann irgendwo ein Wunder geschieht.
Collaboration ist effizienzgetrieben. Mehr Information soll leichter gefunden werden koennen. Auch dabei helfen Vernetzung, Filter und soziale Ansaetze.
Die Vernetzungs- und Filterfunktionen koennen dabei in entgegengesetzter Funktion verwendet werden. Vernetzung erweitert und foerdert so die Informationsmenge – es kommt immer etwas dazu. Filter dagegen konzentrieren und blenden aus; statt immer etwas hinzuzufuegen, waehlen sie aus und lassen sie weg. Wo Netze einen Basisbestand erweitern, waehlen Filter aus einem Basisbestand aus. Beides sind Formen des gezielten Strukturierens von verfuegbaren Inhalten und Beziehungen: Sie koennen durch Hinzufuegen oder durch Entfernen gestaltet werden.
In beiden Faellen muessen Entscheidungen getroffen werden. Bei Filtern ist das offensichtlicher, auch die immer offene Vernetzung aber bedeutet Auswahl. Die Entscheidung fuer eine Option ist immer auch die Entscheidung gegen alle anderen Optionen. Das wirkt bedingt dadurch relativiert, dass immer wieder neue Entscheidungen getroffen werden koennen.
Wichtig ist: So betrachtet hat auch das Sammeln von Wissen selbst eine stark aktive, handlungsorioentierte Komponente. Wissen sammeln bedeutet nicht, objektiv Fakten zu dokumentieren, es ist ein aktiver Prozess, in dem Entscheidungen getroffen werden. Der Schritt zum Umsetzen, zur definitiven Entscheidung, ist damit dann meist kleiner als gedacht. Wir sind bereits mitten in Entscheidungen.
Warum ist das wichtig?
Einerseits erklaert das das vermeintliche Wunder, durch das aus Sammeln und Dokumentieren aktives Handeln wird – wir handeln immer schon; manchmal praktisch, manchmal theoretisch. Die vermeintliche Barriere entsteht eher durch die wahrgenommene Reichweite der Handlungen: Je praktischer etwas ist, desto realer scheint es auch. Es wird leichter und breiter wahrgenommen, Folgen werden direkter zugeordnet.
Vom ersten Moment an, indem wir Zeichen mit Bedeutung versehen und so in Information verwandeln, entscheiden wir und handeln wir.
Das deutet auch auf eine zweite Frage hin, die im Enterprise 2.0-Kontext immer wieder eine Rolle spielt: Wie schaffen wir es, gruenes Licht zu bekommen, die Entscheidungstraeger ins Boot zu holen, Budgets zu akquirieren? Die ueberspitzte Antwort: Gar nicht. Genauso koennten wir aber auch antworten: Von Anfang an, mit jedem Schritt. Was steckt dahinter? – Wir muessen keine Entscheidungen abwarten, weil wir sie in jedem Moment treffen. Wir brauchen keine grossen weitreichenden Entscheidungen herbeifuehren – weniger weil wir sie jederzeit relativieren koennen, sondern weil sie erst umgesetzt werden muessen. Eine Entscheidung alleine ist, so wie eine Idee, nicht viel wert. Wert entsteht erst in der Umsetzung.
Fuer die ueblichen Entscheidungsgremien und Planungsrunden bedeutet das: Die ersten Entscheidungsschritte passieren lang vorher, sobald erste Informationen gesammelt und zusammengestellt werden muessen. Die formelle Entscheidung selbst ist schliesslich – auf der Informationstreppe betrachtet – “nur” Information, nur ein Zeichen. Sie ist keine aktive Handlung; die Handlung (in der wir Kompetenz beweisen, nicht nur ausueben koennen) geschieht erst spaeter.

Im 2.0 Umfeld gilt umso mehr: Entscheidungen werden durch Handlungen getroffen. Der grosse Masterplan existiert nicht und waere, wenn es ihn gebe, auch Gegenstand laufender Veraenderung. Dass es trotzdem einen Plan braucht, liegt auf der Hand. Dieser ist – meiner Erfahrung nach – allerdings weniger strategischer, technischer oder finanzieller Natur, sondern vor allem praktischer: Warum tun wir das, wo wollen wir hin, und vor allem – warum sollen andere dabei mitspielen?
Training, Information, Kalkulation, Business Cases sind wichtige Instrumente, die der Ordnung halber benutzt werden muessen, aber keine Entscheidungen herbeifuehren und nichts veraendern.
Was Bewegung ausloest, sind Funktionen und Inhalte, die sich in die taegliche Praxis einfuegen (die besten Innovationen sind die, die man kaum bemerkt) oder von sich aus ihr Publikum anziehen. Sei es, weil sie gebraucht werden, weil sie gemocht werden, oder weil sie unterhalten.
Anwendungen sind ein wichtiger Bestandteil, Inhalte ein anderer. Beide, im Idealfall beide zusammen, brauchen einen gemeinsamen Grundton – die Wichtigkeit der Inhalte wird auch durch Funktion oder Hype nicht relativiert. Es muss funktionieren, heisst es so schoen einfach – und dafuer gibt es kein Generalrezept, sondern nur solides Handwerk .

Was heisst das fuer die Enterprise 2.0-Diskussion, von der wir eigentlich ausgegangen sind? 2.0 an sich ist grundsaetzlich gegessen, das zeigen auch die Teilnehmerkreise der diversen Konferenzen, die von NGOs ueber Startups, Mittelstaendler, Grossunternehmen bis hin zu Schulen und Aemtern alles abdecken. Wir wollen das. Aber wie machen wir das?
Ich denke, der einzig generell anwendbare Ratschlag ist: Die Dramaturgie muss passen. Wenn der Anfang klein ist – kein Problem; es muessen auch nicht alle Voraussetzungen gegeben sein. Handlungen treffen Entscheidungen und < a href="http://old.themashazine.com/standpunkte/umweghypability">veraendern Menschen und Voraussetzungen. Das kann Schritt fuer Schritt im Kleinen passieren; es muss sogar im Kleinen und Bottom up passieren: Eine formelle Entscheidung kann hier nicht funktionieren.

Wohin fuehrt all das zurueck? Je praesenter und angreifbarer Medien werden (jeder kann seine Meinung dazu aeussern (in Kommentaren, Bewertungen, eigenen Medien) oder gar die Inhalte veraendern (in Wikis oder anderen Collaborationloesungen)), desto wichtiger ist die handwerkliche Qualitaet der Medienproduktion. Das gilt fuer einzelne Beitraege genauso wie fuer ganze Medien- oder Markenkonzepte. Kein Beitrag allein, keine neue Medien-Produktvariante darf Erklaerungen benoetigen oder Fragen aufwerfen “Eh schoen. Aber warum eigentlich?”
Das erfordert fachlich fundiertes Wissen ebenso wie redaktionelle Professionalitaet. Einen einfacheren Weg gibt es leider nicht.

(Nur die passenden Partner fuer die Medienproduktion…)

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Der Tagungsband zur Edumedia – Die lernende Organisation 2.0 – mit Beitraegen unter anderem von Dion Hinchcliffe, Michael Heiss und mir, kann bei Salzburg Research bestellt werden.

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