Wachablöse in der Medienmafia? Oder Paralleluniversen?


Wenn sich die alte Gang vor der neuen Gang fürchtet, gibt es irgendwann mal den Punkt, an dem man miteinander redet und einmal abklären möchtem, ob es wirklich so schlimm ist.
Blöd nur, wenn die neue Gang gar keine Gang und auch keine Mafia ist, sondern etwas ganz anderes , vielleicht grösseres, vielleicht kleineres, aber nichts, in dem die gewohnten Ziele und Gesetze gelten.
So ähnlich muss es abgelaufen sein, als sich die Camorra mit den Triaden beschäftigen wollte und stattdessen von Turbokapitalisten überholt wurde, so ähnlich lief es gestern bei der vom Standard veranstalteten Diskussionsrunde “Was sollen Blogger, was dürfen Blogger ab”.

Die überaus gut besuchte Veranstaltung kreiste immer wieder um die Frage, ob Blogger nun journalistische Kompetenz haben/brauchen, ob sie relevant sind – und erstaunlicherweise, ob für sie Gesetze gelten. Web und Recht, hatten wir das nicht schon mal?
Zu journalistischer Kompetenz und sozialer oder redaktioneller Relevanz habe ich gerade unlängst etwas zu sagen versucht.
Und warum habe ich dann nicht mitgeredet? Erstens bin ich zu spät gekommen und habe nur aus dem Vorzimmer mitgehört, zweitens gibt es kaum eine weniger relevante Fragestellung als das Verhältnis von Blogs und klassischen Medien. Oder ist das Verhältnis von Medien zu meinen Emails relevant? (Die sind auch digital und werden auch von anderen Menschen gelesen).
Journalist ist ein Beruf, der daraus besteht, so gut wie möglich Fakten zu recherchieren, daraus etwas zu basteln, was den Erwartungen der Leserschaft entspricht, real sein könnte und sich verkaufen lässt. Dazu muss es Aufmerksamkeit erzeugen. Das kann durch Schönschreiberei erzeugt werden, oder durch Tatsachenverdrehung. Fakten alleine, der scheinbare Gral des Journalisten, sind langweilig und bedeutungslos. Sie brauchen Zusammenhänge, Beziehungen, Interpretation. (Ad Gral und weil unlängst der alte Indiana Jones als Bügel-Untermalung lief: Auch in der Fantasy-Szenerie kann der Gral nicht aus seiner Umgebung entfernt werden, und beim Versuch, das Unmögliche möglich zu machen, geht sogar die heisse Archäologin drauf; ewig schade, sie wollte eh weg von den Nazis. – Mit einem blossen Fakt kann eben niemand umgehen)
Bloggen ist eine Arbeitstechnik, die dazu anhält, Ideen in verständlicher Form zu strukturieren, die Arbeit, Hintergrund und Gedanken einer Person oder eines Teams sichtbar macht, die ein Arsenal an Argumentationen und Material schafft und die öffentliche Auseinandersetzung ermöglicht. Wichtig ist dabei auch, dass das eine Technik (Technik, wie auch Lesen, Schreiben oder Rechnen Techniken sind) neben vielen ist, die ihre beste Wirkung (das können die Qualität der Inhalte, die erreichte Verbindung und Vernetzung, oder eben auch Reichweite und Einnahmen sein) in der Kombination mit anderen sozialen Techniken entfaltet (und die müssen nicht immer nur digital oder medial sein – man kann auch mit Menschen reden).
Amir Kassaei hat dazu im Standard-Chat erstaunlich passende Worte gefunden: “Es gibt kein Social Media, weil digital kein Medium ist, sondern meiner Meinung nach die neue Infrastruktur der Welt. Man kann diese Infrastruktur nutzen um noch produktiver, noch effektiver und noch besser zu werden und dadurch sein Wissen und seine Perspektive zu erweitern.”
Find ich gut. Wer dagegen Social Media nutzen möchte, um traditionelle Sender-Empfänger-Situationen digital zu emulieren, damit Empfänger für ihre Leserbriefe keine Briefmarken mehr brauchen, kann das auch machen. Aber nur darüber zu reden, verfehlt den Kern der Sache.

Und noch eine Anregung: Nachdem Anwälte offenbar immer ihre Klienten und deren konkrete Fälle brauchen, um irgendetwas entscheiden zu können, dabei also jedesmal dazu lernen, schlage ich vor, dass künftig Anwälte ihre Klienten bezahlen sollten.

2 thoughts on “Wachablöse in der Medienmafia? Oder Paralleluniversen?

  1. Bloggen ist natürlich nicht nur eine Technik. Es gibt durchaus Blogger, die beruflich über bestimmte Themen schreiben, z.B. bei netzwertig.com

    Letztgenennates ist auch schon die Gemeinsamkeit zwischen Journalisten und Bloggern: über ein Thema schreiben.
    Die wichtigsten Unterschiede aber bestehen darin, dass der Journalist…

    • Fakten prüft
    • neutral berichtet
    • Hintergründe beleuchtet und Beziehungen aufdeckt

    …während der Blogger

    • seine persönliche Meinung unabhängig von der Faktenlage wiedergibt
    • emotional sein darf und soll
    • Gerüchte verbreiten kann

    Der Journalist geht halt in die Tiefe, während der Blogger in die Breite geht. Beide gemeinsam ergänzen sich im Idealfall zu einem neuen, besseren Medienerlebnis FÜR DEN LESER.

  2. Das mit Breite und Tiefe ist so eine Sache…
    Geht nicht der Blogger, der sich intensiv mit einem (oersönlichen) Thema beschäftigt, eher in die Tiefe, als der Journalist, der heute über das, morgen über jenes schreibt?

    Ich glaube man kann wirklich nicht oft genug sagen, dass nicht jeder Blogger gern Journalist wäre…

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