Auch Plattformen sind nur Menschen


Ich habe lange darüber nachgedacht, warum sich bei mir alles gegen Richard David Prechts Predigt bei den Medientagen gesträubt hat. (Konserve hier, Interview da)
Prechts Kernthese zu Onlinemedien: Sie werden klassische Medien in Hinblick auf demokratische Relevanz nie ablösen, weil es gerade für demokratische Beitrage wichtig sei, dass nicht nur Meinungen einzelner nebeneinander im Raum stehen, sonder dass konsolidierte Meinungen veröffentlicht werden – damit die Menschen vom Gleichen reden.

Ich mochte hier nicht auf wertende Aspekt in dieser Aussage eingehen, sondern mich ganz trocken mit der Frage nach der Funktion von Onlinemedien beschäftigen.

Das Netz alleine kann das nicht

  • Die wesentliche Funktion von Onlinemedien, vor allem in ihrer aktuellen Auspragung als Social Media ist die, Verbindungen herzustellen und diese sichtbar zu machen.
    Wer veröffentlicht was worüber und wer ist das, wer spricht mit wem über welche Themen – diese Informationen sind praktisch uneingeschränkt verfügbar.
  • Medien leben nicht von ihren Inhalten, sondern vor allem von den damit hergestellten Verbindungen: Wichtiger als der Inhalt oder sogar als die tatsächlichen Nutzungszahlen eines Mediums – zumindest was Vermarktbarkeit, aber auch die Relevanz aus der Perspektive von PR-Agenturen betrifft, sind deren Pagerank, ihre Auffindbarkeit, die Backlinks und ihre Vernetzung.
  • Medien sind eine Idee, die in RSS-Feeds, Facebook-Likes und Twitter-Mentions aufgelöst ist. Tägliche Onlinemediennutzung besteht weniger aus dem gezielten Aufrufen der immer gleichen Seiten, sondern aus dem Scannen nach interessanten Themen im Feedreader und aus dem Folgen von in diversen Netzwerken geposteten Empfehlungen. In ganz seltenen Fallen wird ein Blog wirklich und direkt besucht, noch seltener, das weiß jeder, der sich mit Analytik beschäftigt, regelmäßig oder fur mehr als zwei Klicks. – Wozu auch? Wer den Inhalt zur Gänze syndiziert, stellt seine User schon im Feed zufrieden, wer geizt und nur Schlagworte liefert – kriegt gar keine Leser.
  • Das bedeutet nicht nur technisch die Auflösung von Inhalten in Netze. Medien sind aufgelöst in Information, es sind Teile, die Benutzern zur Verfügung stehen. Das führt dazu, dass in der modernen Mediennutzung nicht (nur) der Autor der Experte ist, sondern vor allem der Benutzer. Während der Autor auf diesen einen aktuellen Beitrag reduziert und festgesetzt ist, bleibt der Benutzer frei, kann vergleichen, weiterklicken, Meinungen einholen.
  • Aufgrund der formalen Auflösung haben es Onlinemedien um einiges schwerer, ihren eigenen Hintergrund zu transportieren. Die Codes dafür sind auch noch nicht festgeschrieben (einen Liebesroman erkennen wir auf den ersten Blick – aber ein Qualitätsblog?).

Was möchte ich mit diesen Punkten zeigen?

Das klassische Sender-Empfängermodell von Medien wird nicht so aufgelöst, dass es eben mehr Sender gibt, oder dass jeder zugleich Sender und Empfänger ist. Es wird nicht nur mehr gesendet, sondern es entsteht auch mehr Konversation.
In der allgemeinen Konversation wird geredet; Inhalte liefern Anstöße – egal woher. Das kann ruhig auch aus den klassischen Medien kommen… :)

Meinungsbildend ist aber vielmehr die Unterhaltung, nicht der Inhalt. Das ist ja nicht einmal für die Kommunikationswissenschaft neu – schlag nach bei den Opinionleadern.
Die basisdemokratische Interpretation ist naiv. Nur weil wie mehr reden können, wissen wir nicht auch mehr, und wir wissens schon gar nicht besser. Wir verändern damit auch weder die Welt noch die Medien – aber wir schaffen und nutzen einen neuen Raum.
Das gleiche leistet auch der Bassenatratsch. Inwiefern sich Onlinemedien davon abgrenzen können ist einerseits eine Frage der Inhalte, vor allem aber Sache der Medienliteracy der Teilnehmenden: Wem glaube ich? Welchen Beziehungen folge ich? Welche Inhalte (und Absender) lasse ich zu?

Ich halte es für ein Missverständnis, in Onlinemedien neue und vielversprechende Produktionsmittel zu sehen, Es sind praktische Werkzeuge. Deshalb ist es nicht sehr schlau, diesen Medien mangelnde Originalität vorzuwerfen oder sie damit abzuqualifizieren, dass es in 20 Jahren Internet noch immer keine künstlerisch oder kommerziell erfolgreiche Internet-only Erfolgsstory gegeben hat. Wer wollte das denn?
Was Onlinemedien den anderen Medien hinzufügen, sind, wie schon ganz am Anfang gesagt, Verbindungen und deren Sichtbarkeit. Das ist die neue Dimension, darin sind sie einzigartig.

Das bedeutet auch: Was sind die Fragen, die wir stellen müssen, um Erfolg von digitalen Medien oder durch digitale Medien bewirkte Veränderungen feststellen und messen zu können?
Dabei dürfen wir nicht nach Inhalten suchen, sondern nach Verbindungen.
Nicht Inhalte, sondern was mit den Inhalten passiert, ist das Kriterium für Onlinemedien. Wie können Werkzeuge genutzt werden, um aus Ideen Produkte zu formen? Wie, um Kontakte herzustellen und zu nutzen? Wie, um Ideen mit anderen Ideen anzureichern? Um Ideen und Entwürfe abzutesten? Und schliesslich auch, um die Produkte zu vermarkten?
Die produktive Nutzung zu bestimmten Zwecken ist in meinen Augen das wesentliche Motiv von Onlinemedien, daran können wir sie messen.
Ob die Produkte dann Papier, Hardware, Beratung, Ideen oder Vorträge sind – das ist egal. Auch wer letztlich das Geschäft damit macht. Aber damit renne ich jetzt wohl schon offene Türen ein.

Plattformen sind auch nur Menschen

Ich möchte mich gar nicht weiter in die üblichen Ausführungen vertiefen, sondern noch zwei andere Punkte streifen, die das hoffentlich illustrieren.
Otfried Jarren, Kommunikationswissenschaftler der Universität Zürich, stellte diese Woche im Rahmen der Hedy Lamarr Lectures seine Arbeit zu Intermediären Organisationen vor. Zuletzt stellte er die Frage, ob manche Onlineplattformen auch die Rolle von Intermediären erfüllen können. Seine Antwort: Nein, weil es im Netz keine Leistungserbringungsgarantie gibt.
Das ist ein besonders schönes Beispiel für das gleiche Missverständnis: Was soll das Netz hier leisten? Wie soll es, so wie es auch keine Qualität oder Originalität garantieren kann, Leistungen oder reale Produkte garantieren? Wo erbringt das Netz jemals Leistungen? Es sind immer nur Zwecke, Organisationen, und letztlich Menschen, die dahinterstehen.
Ich halte es daher für die falsche Frage, ob Onlinemedien die Funktion von Intermediären (oder von anderen Organisationen, klassischen Medien usw. – das ist austauschbar) übernehmen können. Die richtigere Frage ist wohl die kleinere und langweiligere – wie sie deren Aufgaben und Funktionen beeinflussen können.

Begrabt das Genie (und den dynamischen Rainmaker gleich mit…)

Und dann habe ich noch einen Punkt. Im aktuellen Wired stellen Kevin Kelly und Steven Johnson ihre neuen Bücher zum Thema Innovation vor. Beide stellen dar, dass Innovationen und Erfindungen nicht plötzlich von Genies gemacht werden, sondern schon lang in der Luft liegen: Viele Entdeckungen sind parallel zugleich gemacht worden, haben eine lange Geschichte hinter sich und sind eher auf Situationen als auf Individuen zurückzuführen.
Was heisst das für unser Thema? Es sind nicht einzelne Werke, einzelne Handlungen, die den Unterschied machen, sondern die Beziehungen und Situationen, die manches begünstigen, anderes verhindern.

Fazit

Medien als Werkzeuge zu betrachten und nicht als Magie setzt die Unabhängigkeit des einzelnen voraus. Es gibt nicht das Werk, das den Unterschied macht, es gibt nicht die Plattform, das Service, das alle Probleme löst.
Es liegt an den handelnden Personen – und zwar an jedem – was aus den Inhalten wird.
Es liegt nahe, verschwindende Grenzen zwischen Inhalt und Marketing, entropische Tendenzen als Makel der Onlinemedien zu kritisieren. Ich habe versucht, zu argumentieren, dass genau darin ihr Verdienst liegt:

  • Sie erlauben dieses Verschwinden, die scheinbare Gleichwertigkeit von Müll und Qualität
  • Sie machen beides sichtbar
  • Sie stellen Beziehungen dazwischen her
  • Sie machen auch diese sichtbar.
  • Für die Reflexion heisst das:

  • Wie verstehen wir Beziehungen?
  • Wie erkennen wir Experten?
  • Wie bewerten wir Beziehungen – wo sehen wir Realität und Effektivität?
  • Warum wird das Netz in der klassichen Reflexion so oft überschätzt? (Darauf habe ich vielleicht schon eine Antwort: Um nachher beweisen zu können, dass es dann auch wieder nicht so toll ist…)
  • 2 thoughts on “Auch Plattformen sind nur Menschen

    1. Ja, ja und ja. “Auch Plattformen sind nur Menschen” fasst gut das Missverständnis zusammen – auf der einen Seite die “KritikerInnen” wie Precht( die v.a. an ihrem KritikerInnenstatus sich bereichern), die beharrlich was geschieht an alten Zöpfen messen (Massenmedien, Journalismus, Sender-Empfänger-Modell), auf der anderen Seite das viel organischere sich Entfalten von Social Media DURCH Menschen, permanente Verhandlung, Konversation. Das, was zwischen den Menschen passiert, ist das eigentliche – nicht das theoretische Modell oder die Regeln einer Berufssparte.

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