Wie Online-Medien unseren Sinn fuer Hoeflichkeit und Informationsgehalt im Gespraech veraendern: Tiefgruendigkeit oder in der Kuerze liegt die Wuerze? Expertenausfuehrungen oder dialogorientiert gefuehrtes Crowdsourcing? Wollen wir ueber alle moeglichen Facetten und Entscheidungsvarianten eines Themas reden oder nur ueber die, die uns tatsaechlich interessieren? - Neue Online-Medien bieten eine Fuelle an Optionen, die uns kaum noch deutlich sind.
Eloquente Darstellung oder ueberfluessiges Gerede?
“Koennen Sie mir die aktuellen Reports per email schicken? Oder sind diese vielleicht zu gross fuer das Empfangslimit, sollen wir nach einer anderen Variante suchen? Bitte teilen Sie mir mit ob das fuer Sie passt oder ob wir andere Uebermittlungswege brauchen." Emails wie dieses zwingen zu einer ausfuehrlichen Antwort. Entgegen der schnellen und direkten Kommunikation, die wir zusehendes gewohnt sind, sind wir gezwungen, in annaehernd ganzen Saetzen zu antworten, auf die Argumentation unseres Gespraechspartners einzugehen und Dinge auszuformulieren, obwohl wir wohl in aller Eile lieber nur mit “Ja" oder “Nein" antworten wuerden. Das nervt mitunter. Dabei wollte unser Gegenueber nur hoeflich sein.
“Jedes Schriftl ist ein Giftl", ist Martin G., Geschaeftsfuehrer eines grossen Onlinemediums, ueberzeugt. Schriftliche Kommunikation, egal ob auf Papier oder digital, erzeugt immer auch Distanz: Die Zusammenhaenge und Umstaende ihrer Rezeption sind nicht kontrollierbar. Die Direktheit des schriftlichen Worts, das nicht immer unmittelbar auf unsere aktuelle Befindlichkeit reagieren kann, kann aufdringlich und penetrant wirken. Und der Empfaenger hat die Macht, die Botschaft des Senders innerhalb dehnbarer Grenzen auszulegen – der nicht anwesende Sender greift nicht korrigierend ein.
“Gut, dann schreib ich halt ein Mail" - was in manchen Unternehmen selbstverstaendlich und bevorzugter Kommunikationsweg ist, ist anderswo die Notloesung, wenn die fuer Telefonate notwendige Gleichzeitigkeit laenger nicht hergestellt werden kann. Neben der Ruppigkeit schriftlicher Kommunikation, die mit steigender (raeumlicher und zeitlicher) Distanz und Abstraktion als steigend wahrgenommen wird, spielen auch die Moeglichkeit zu Rueckfragen und der – in manchen Kulturen – als niedriger eingeschaetzte Aufwand fuer verbale Kommunikation eine Rolle: Man redet leichter und schneller als man spricht.
Das geschriebene Wort wird oft mit mehr Gewicht verbunden, waehrend das gesprochene Wort eher Verhandlungscharakter hat. Es ist unverbindlicher, schwerer beweisbar, waehrend die schriftliche Form an Dokumentation, Formalerfordernisse und eine uebergreifende Ordnung gebunden ist.
Tempo, Distanz und Frequenz erzeugen neue Werte in der Kommunikation
Diese Voraussetzungen aendern sich. Zeitliche und raeumliche Distanzen nehmen zu, das Tempo steigt, mehr passiert gleichzeitig.
Mails sind – trotz der oft beklagten Distanz – einfach praktischer als Telefongespraeche, die beide Seiten zugleich binden. Genau diese Vorteile bieten Collaboration-Umgebungen oder Enterprise Social Networks mit Statusmeldungen noch deutlicher: Sie loesen nicht nur das Problem der raeumlichen und der zeitlichen Distanz, sondern auch die Frage des offenen oder geschlossenen Empfaengerkreises und der Verbindlichkeit. Statusmeldungen gelten jetzt. Morgen kann wieder etwas anderes wichtig sein.
Mit dem Tempo steigt die Frequenz der Kommunikation. Selten stattfindende Kommunikation erfordert Ausfuehrlichkeit und Klarheit – gruendlich und schoen formulierte Briefe sind das Paradebeispiel dafuer. Direkte Reaktion ist nicht moeglich; damit muessen Eventualitaeten beruecksichtigt werden. Alternativen sind zu erwaehnen, Fragen und Abhaengigkeiten muessen von verschiedenen Seiten aus behandelt werden.
In kurzen Abstaenden stattfindende Kommunikation kann nicht nur schneller reagieren – sie laesst schlicht auch weniger Zeit fuer das Verfassen und vor allem auch fuer die Rezeption von Nachrichten. Die einzelnen Elemente werden kuerzer; Alternativen und Abhaengigkeiten koennen auch hintereinander dargestellt werden. Die Verbindlichkeit sinkt.
Bedeutet das etwas fuer die Qualitaet? Lange und gut durchdachte Formulierungen und Erklaerungen gelten in der Regel als gut, kurze und unverbindliche Information gilt als weniger wertvoll.
Das setzt voraus, dass in Kommunikation, in einzelne Informationsbestandteile, die ganze Information, die sinnstiftenden Elemente, der Unterhaltungs- und Bildungswerte und das Ueberzeugungspotential verpackt sind. Das Leitbild ist die umfassende Reportage: Es gibt einen aktuellen Anlass, einen regionalen Bezug, Hintergruende, verallgemeinernde und objektivierbare Daten und immer wieder Bezuege.
Das wiederum setzt voraus, dass die Dinge so weit eingefroren, angehalten werden koennen, dass sie derart statisch beschreibbar sind (weshalb Medien grundsaetzlich und vorrangig damit beschaeftigt sind, Klischees, Erwartungshaltungen und Vorurteile zu reproduzieren).
Schnelle, kurze und formlose Kommunikation steht schnell im Verruf, Geschwaetz zu sein. Viele kurze Nachrichten wenden sich in schneller Reihenfolge an unbestimmte Empfaenger, Beziehungen entwickeln sich nicht unbedingt chronologisch und Argumentationen sind nicht immer linear nachvollziehbar. - Das kann nur belangloses Geschwaetz sein.
Tempo, ein potentiell uneingeschraenkter Nutzerkreis, der auch tatsaechlich unproblematisch erweitert werden kann, mehrdimensionale Beziehungen und permanente Verfuegbarkeit, die von der Verpflichtung “alles" “der Reihe nach"zu erledigen, enthebt, sind die anderen Seiten schneller direkter und unvermittelter Kommunikation. Sie beschreiben die Vorteile der Abloese von 1:1-gebundener Kommunikation in Kommunikation ueber Netzwerke, offene Medien und Collaboration-Tools.
Den Begriff Geschwaetz sehe ich wertfrei. Zwanglose, schnelle, hochfrequente und vielseitige Kommunikation, deren Einzelteile moeglicherweise keine in sich geschlossene Sinnwelt erzeugen – das waere eine andere Beschreibung.
Dem moechte ich den Begriff der Geschwaetzigkeit gegenueber stellen: Variantenreiche, lange, durchdachte Ausfuehrungen bieten in der Regel selten konkreten Mehrwert. Glaubt der Redende wirklich, dass er mehr weiss, als andere? Warum ist die Darstellung der Varianten notwendig, wenn erst wieder der die Entscheidung trifft, der die Frage stellt, die Moeglichkeiten aufzeigt?
Weiterzureden, waehrend der andere schon antworten koennte, ist eine andere Form der Unhoeflichkeit. In einem Brief faellt das nicht auf, am Telefon schon eher – noch mehr paradoxerweise dort, wo grundsaetzlich genug Zeit waere, alles in Ruhe nachzulesen: Wie viele ausfuehrliche Emails versanden ungelesen oder nur zum Teil gelesen im Nichts, wenn nicht sogar im Gegenteil dessen, was sie bewirken wollten?
Brauchen wir wirklich nicht mehr als 140 Zeichen?
Nicht jeder Gedanke kann in aller Kuerze formuliert werden. Irgendwann muss der Punkt erreicht sein, an dem mehr gesagt werden muss. - Hier stehen auch nicht Kulturtechniken oder Medien der Wissensvermittlung zur Diskussion, es geht vielmehr um Gespraeche und zwanglose Unterhaltungen.
Hier zaehlt Direktheit: Wer ohne Umschweife auf den Punkt kommen kann, hat eher die Chance, alles anzubringen, was er sagen wollte. Wer zwischendurch Luft fuer Ergaenzungen, Rueckfragen, Kommentare laesst, wird eher die Interessen seiner Gespraechspartner treffen. Und wer nicht weiterredet, wenn er keinen Gespraechspartner hat, verschwendet weniger Kraft und Energie.
Das sind Indizien dafuer, wie Geschwaetz – als schnelle, formlose Kommunikation, die jetzt auch ueber zunehmende Reichweite verfuegt – Geschwaetzigkeit – als ausfuehrliche, innenorientierte und auf vollstaendigkeit bedachte Darstellung – den Rang als effiziente Kommunikationsform ablaeuft.
Inwiefern werden neue Online-Medien dieser Entwicklung gerecht? - Sie bewirken sie geradezu. In neuen Online-Medien, Social Media, findet Kommunikation nicht als gezielte Auseinandersetzung zwischen konkreten und praesenten Individuen statt; diese Moeglichkeit gibt es auch – ein haeufigerer Fall ist allerdings die Unterhaltung als vorerst eindimensionale – jemand redet, bis jemand mitredet. Es ist praktisch unmoeglich, jemanden nicht ausreden zu lassen oder nicht zu Wort kommen zu lassen – die Chance, ignoriert zu werden, ist dagegen sehr hoch.
Das sorgt fuer eine gewisse Fairness: Jeder hat – in der gleichen Umgebung – die gleichen Mittel zur Verfuegung. Und Konsequenzen koennen ebenso leicht wie radikal gezogen werden: Dauerreder, die etwa via Twitter langweilige Serienposts absetzen, sind die ersten Kandidaten, um unfollowed zu werden.
Der andere Aspekt, um den es hier eigentlich geht: Unterhaltungen werden direkter, zielorientierter und kuerzer. Niemand wird in einer Onlinediskussion auf alle Facetten einer Argumentation eingehen – so genau wird in der Regel gar nicht gelesen –, es werden immer nur einzelne Punkte herausgegriffen, diese werden gezielt und konzentriert behandelt. Fuer den Reagierenden hat das den Vorteil, dass er sich mit weniger beschaeftigen muss, fuer den Agierenden bedeutet das den Nachteil, dass Einwaende oft auch Argumente betreffen, die anderswo schon behandelt wurden. Fuer beide Seiten erfordert das mehr Praezision: Jede Veroeffentlichung muss in sich, ohne ihren Kontext, sagen koennen, was sie sagen soll. Und jede Reaktion kann und soll sich nur mit dem beschaeftigen, was tatsaechlich gesagt/geschrieben wurde, und auf Spekulationen und Voraussetzungen verzichten.
Naive Idealvorstellung oder gar gefaehrlicher Wahn?
Vereinfachung, sei sie durch Tempo, Bebilderung oder Interaktivitaet gegeben, wird oft als kultureller Verlust gesehen. CNN berichtete im April 2009 gar von Warnungen vor Twitter: Schnelle Updates wie in Twitter oder Facebook haetten negativen Einfuss auf Moral, ethisches Empfinden und die Faehigkeit, sich mit Menschen und Problemen auseinanderzusetzen.
Es ist unbestritten, dass Tempo und Reaktionsmoeglichkeiten steigen. Kommunikation wird dichter, reaktiver, angemessener, angepasster. Wo, so die Gegenfrage,die sich aufdraengt, findet dann “echte" Kommunikation stat, wo gibt es Reflexion, die Bereitschaft, sich mit etwas tatsaechlich auseinanderzusetzen? Sollen wir tatsaechlich davon ausgehen, dass diese Formen der Begegnung ersetzt wurden? Koennen wir ernsthaft davon ausgehen?
Was wissen wir ueberhaupt noch, wenn wir vor Tempo und Vielfalt keine Gelegenheit mehr haben, uns in ein Gespraech, ein Buch, ein Thema zu vertiefen?
Die Welt steht trotzdem noch. Ich deute das als Indiz auf einen Paradigmenwandel in der Information. Wohin nur, das ist aus heutiger Sicht noch eine Frage von Geschmack und Gefuehl – keine real beantwortbare...















