Hellseherei und Erbsenzaehlerei - Was ich mit Deutschlands beruehmtestem Hellseher gemeinsam habe

Jan 4 2010


Ich kannte Thorsten Havener nicht. Bis mir meine Schwiegermutter sein Buch "Ich weiss, was Du denkst" geschenkt hat. Aber Deutschlands beruehmtester Gedankenleser, wie er sich nennt, macht - mit ganz unterschiedlichen Mitteln - einen aehnlichen Punkt wie ich ihn in "Wie die Tiere" zu machen versuche: "Es ist wie es scheint".

Hellseherei, Gedankenlesen auf der einen Seite und philosophischer Relativismus/Pluralismus und Erkenntnis- und Kommunikationsanalyse auf der andere Seite friedlich vereint?

Haveners Rezept in seinen Auftritten ist ziemlich einfach:

  • Blick fuer Details: Kleinigkeiten wahrzunehmen - die fuer jeden sichtbar waren - verhilft schon wenig spaeter zu einem Informationsvorsprung, der andere auf geheime Quellen schliessen laesst.
  • Nicht werten, nicht spekulieren: Urteile, Zusammenhaenge ueber das Offensichtliche hinaus fuehren uns auf eine falsche Faehrte. Mit Achtung fuer die Details haben wir noch immer genug Material; Spekulation verfaelscht - auch wenn sie uns oft leichter faellt.
  • Beobachten geht ueber Denken: Was wir uns denken, ist egal, wenn wir wissen wollen, was der andere tut. Er tut es ja - wir brauchen nur zuschauen.
  • Sammeln und in Beziehung setzen lassen: Im Lauf der Zeit setzen sich die Dinge selbst in Beziehung - das ist nicht unser Job. Wir brauchen nur zuschauen...

Was sind das fuer merkwuerdige Grundsaetze?
Eine viel zu selten gestellte Frage ist: Warum bedeutet das, was wir sagen, ueberhaupt etwas? Wo entsteht Bedeutung? Weitergefuehrt bedeutet das: Wie koennen wir uns verstaendlich machen, wie koennen wir nachvollziehen, wie weit das, wa wir sagen wollten, bei unserem Gegenueber angekommen ist? Und was sind Orientierungspunkte, anhand derer wir ueberpruefen koennen, wie weit wir etwas von der Welt rund um uns verstehen?
Was Havener mit seiner Betonung auf Beobachtung und Details, mit der Kraft der Worte (und schliesslich der Gedanken, ihrer Auswirkungen auf den Koerper - bis hin zur Suggestion) darstellt, fasse ich - ohne den manipulativen Effekt und die Show, ich bin eben viel langweiliger - als Primat der Oberflaeche zusammen: Es zaehlt, was ist, und nicht, was wir gerne haetten. Wie unterscheiden wir das? Eben durch die Tugenden der Zurueckhaltung und Erbsenzaehlerei.
Perspektiven wechseln zu koennen, nachzufragen, mehrere Quellen sammeln zu koennen und Relativismus (als der Beliebigkeit das Wort zu reden) von Pluralismus (als Faehigkeit, vielfaeltige Ansichten akzeptieren zu koennen) unterscheiden zu koennen, sind eigentlich Grundlagen, die man im Bereich der Onlinemedien als gesetzt annehmen kann.
Die den eigenen Spekulationen gegenueber skeptische Grundhaltung ist allerdings vor allem dort wichtig, wo uns viele Eindruecke aus unsicheren Quellen in staendig neuen Zusammenhaengen in unklaren Abhaengigkeiten und bei unklaren Reichweiten und Verantwortungsszenarien begegnen. In solche Situationen geraten wir in unserer Onlinekommunikation laufend - aber auch unser "reales" Offlineleben wird zunehmend virtueller: Wir sind nicht einfach hier, wir reisen, reden zeitlich und raeumlich versetzt, operieren mit Verweisen und Symbolen und sind auch was scheinbar verbindliche Elemente betrifft - in Fragen der Werte und Prinzipien - zunehmend flexibel.

Wie orientieren wir uns, wo und warum entstehen trotzdem Zusammenhaenge, warum verstehen wir trotz allem noch etwas und - noch erstaunlicher - warum funktioniert trotz allem noch immer irgendwo irgendetwas?
Diesen Fragen geht "Wie die Tiere. Grundlagen der Kommunikation fuer Wertenomaden" nach. Der Text sind ein paar ausfuehrlicher gewordene Notizen zu diesem Fragekreis, die mich waehrend der vergangenen fuenf Jahre beschaeftigt haben.
Die vollstaendige Version gibt es als ebook bei kbex micropublishing, Auszuege und Highlights (wie unbescheiden...) in den naechsten Wochen hier.

Post new comment

The content of this field is kept private and will not be shown publicly.
CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatisierten Spam vorzubeugen.
Bild-CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.