Respekt und die Onlinemarketingpest


Letzte Woche war Thorsten Haveners Anleitung zum Hellsehen hier Thema.
Diese Woche hatte ich eine kurze Unterhaltung mit einem ehemaligen Kollegen, der aus irgendeinem Grund darauf zu sprechen kam, wie gern er eine Clean Desk Policy bei seinen Kollegen durchsetzen wuerde. "Die Diddlmaeuse und Hinterglasmalereien im Buero kann ich nur respektvoll als anders zur Kenntnis nehmen."
Beide machen ihren Punkt damit, die erste eigene Reaktion hintanzustellen und erst einmal das andere aufzuehmen. Nicht: "Ich weiss, was du sagen wolltest.", sondern schweigendes Zur-Kenntnis-Nehmen. Vielleicht koennen wir die Information spaeter einmal brauchen - das steht fuer Respekt und Manipulation zugleich.
Natuerlich ist auch das hier ein Eintrag in eigener Sache, weshalb hier ein passender Auszug aus "Wie die Tiere - Grundlagen der Kommunikation fuer Wertenomaden" folgt.
Der Angelpunkt: Wenn wir uns und anderen zugestehen, den eigenen Kontext und Handlungsspielraum aufzubauen (vereinfachend nannte man das auch mal "eine eigene Meinung haben" - aber diese Fomulierung ist mir zu wertend besetzt) verzichten wir zumindest teilweise auch auf Quick Wins - wir muessen nicht alles durchsetzen, was wir durchsetzen koennten, denn dazu fehlt die rechtfertigende Grundlage. Stattdessen ist das Produzieren und Ausbauen solcher Spielraeume - sei es ueber die Verbreitung von Buerostofftieren, anderen Schreibtischdekorationen oder von zaeh zu lesenden Blogposts - eine Strategie, Raum zu schaffen und zu besetzen. Neben der direkten Unterhaltung ist das ein Grossteil dessen, was wir online machen.
Das heisst?
Ich sehe hier eine sehr friedliche und nachhaltige Form der Welterfassung. Ich kann angesichts dekorierter Schreibtische

  • Verbote anstreben
  • Geschaeftsmodelle rund um Diddlmaeuse entwickeln
  • mich daran erinnern, wer das gemacht hat
  • denken, dass ich das nichts angeht
  • es als eine Aussage neben anderen annehmen, die nicht unbedingt eine Antwort erfordert - wenn sie nicht als Frage formuliert war...

Die Analogie zu Onlinemedien dabei ist: User reden ja auch nicht direkt mit uns. Sie machen ihre Standpunkte klar, formulieren, experimentieren - und wir koennen reagieren, widersprechen, weiterdenken, ja oder nein sagen, andere User als Hintergrund, vor dem sich unsere eigenen Plaene beweisen muessen, sehen.
Sind das Umschreibungen fuer Belanglosigkeit? Wahrscheinlich, solange wir im Hinterkopf haben, dass wir eigentlich innerhalb moeglichst kurzer Zeit moeglichst viel Geld einstreifen sollten. - Wobei wir wahrscheinlich auch mehr Ramsch verkaufen koennten, wenn wir uns erst mit dessen Verwendung, seinen Besitzern und der aktuellen Nutzungssituation beschaeftigen.
Marketing wird immer ein Abfallprodukt des Kommunikationsgedankens und der Experimentierfreudigkeit im Internet sein. Aber das ist eine andere Geschichte, auf die ich naechste Woche zurueckkommen moechte, wenn an dieser Stelle Chris Brogan und Jaron Lanier gegeneinander antreten...

Ein paar Grundsaetze - aus: "Wie die Tiere"

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Eine unabdingbare Auspraegung fuer Verstehen, egal in welcher Auspraegung, ist Respekt. Respekt bedeutet dabei, insofern auf Sinn (fuer uns) zu verzichten, als wir die eigene Interpretation hintanstellen koennen. Nicht was wir meinen, ist
wichtig, sondern was hier passiert ist. Auch wenn wir uns nie ganz aus dem Bild nehmen koennen, weil wir immer nur unsere Sicht sehen (oder das, was wir fuer objektiv richtig halten) haben wir dennoch die Moeglichkeit, die
Beschraenktheit unserer Position zu akzeptieren. Damit erfahren wir nichts Neues, wir steigern unsere Chance, etwas durchzusetzen nicht, aber wir bleiben lernbereit. Wir lassen Erfahrungen, Werte, Perspektiven anderer liegen und gehen
weiter, ohne einer anderen Welt unsere Sicht aufzuzwingen.
Respekt bedeutet nicht nur Offenheit und Lernbereitschaft,
auch Konzentration und Aufnahmefaehigkeit sind Zeichen von Respekt: Wir kuerzen, sortieren, kontrollieren nicht, indem wir Sinn suchen und den Weg dazwischen ueberspringen. Wir sind bei der Sache, hoeren zu und akzeptieren auch Veraenderung.
“Die sind doch alle...”, “Du bist immer so...”, “Ich weiss, aber...” ist
das Gegenteil von Respekt. Wir versuchen, die Initiative zu ergreifen, wenn wir etwas nicht verstehen. Dabei reimen wir uns etwas zusammen, das allenfalls fuer uns relevant ist, nicht aber fuer alles andere. Verzicht auf Spekulation als Bescheidenheit schaerft die Wahrnehmung, bei den Dingen zu bleiben erzeugt
Verbindlichkeit, es reduziert die eigene Position.
Respekt bedeutet zu wissen, dass hier nur wir sind. Damit ist eine Auspraegung von Bescheidenheit gemeint, nicht Egoismus. Fuer uns mag es hunderprozentig so sein. Fuer uns. Alles weitere ist davon nicht betroffen.

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