Spielraum 2.0

Noch ein Punkt aus den Diskussionen bei der Edumedia vergangene Woche, der mir wichtig ist und den ich immer wieder gern wiederfinde.
2.0 bedeutet Spielraum. Effizienz bedeutet nicht nur, schneller mehr zu machen, sondern auch neues zu beginnen, anderes auszuprobieren und Zwischenraeume und Querverbindungen zu beachten.

In der Internetwelt scheint das eher selbstverstaendlich zu sein, bei der Uebertragung in die Corporate-Welt geht dieser Gedanke aber oft verloren. Wo intern, etwa in Intranets, neue Methoden eingesetzt werden, muessen diese Effizienz beweisen. Oft mit der Konsequenz, dass die sichtbaren und nachweisbaren Benefits auf ein Minimum schrumpfen.

Allerdings sind "Wettbewerbsvorteile zweiter Ordnung" (Hans Wuethrich), die sich durch kulturelle Alleinstellungsmerkmale ergeben, auch ein bereits in der Wissenschaft anerkanntes Thema.
Oder, wie Klaus North die Essenz seines Vortrags formulierte: Ziel einer Unternehmensorganisation unter den aktuellen Bedingungen kann es nur sein, aus Selbstmanagement von Wissensarbeitern (Experten koennen sich am besten selbst steuern) gemeinsame Wertschoepfung zu schaffen. Die Kombination unterschiedlicher Ziele unterschiedlicher Personen erzeugt eine flexible und fragile Organisation, in der nicht mehr herkoemmlich gemanaged werden kann, sondern gecoached werden muss. Fuehrung bedeutet so, Sinn zu stiften, Spielraum fuer Veraenderung zu schaffen - Fuehrung ist keine Machtposition, sondern eine Dienstleistungsfunktion. (Eine sehr schone Beschreibung der Funktion von Spielraum im Unternehmen ist Tom Demarcos "Slack".)
Dion Hinchcliffe hatte dann beim Post-Conference Chillout noch eine sehr schoene Formulierung: die Herausforderung von Fuehrung in 2.0-Bedingungen ist es, "to design enterprises for the loss of control". Das gilt nicht nur fuer Fuehrungsfragen im engeren Sinn, sondern auch fuer scheinbar banale Organisationsfragen: Welche Webseiten oder Onlinedienste sollen gesperrt werden? Mit welchen Policies sollen Social Network-Profile, Blogs, oder Webseiten von Mitarbeitern geregelt werden? Mit welchen Sicherheitsmassnahmen kann die Hoheit des Unternehmens ueber seine Daten gesichert werden? Die Kontrolle ist in diese Fragen schon lang abgegeben - fast jeder Mitarbeiter hat alles Notwendige, um nahezu jede Art von Policy zu umgehen, mit einem Smartphone in seiner Tasche.
Dieser im kleinen fast schon marxistische Gleichstand an Produktionsmitteln erfordert schlicht andere Wege der Ueberzeugung - eben einen produktiven Umgang mit Spielraum, der durch gemeinsame Visionen zielgerichtet werden kann...

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