Online Media Predictions 2010: Banalitaet, Abwarten und Social Engineering Paranoia


Prophezeiungen zum Jahresende sind ein beliebter Sport. themashazine.com mischt mit Begeisterung mit.
Ich sehe ein schwierigeres Jahr fuer Onlinemedien 2010:
Natuerlich lebt der Social Boom weiterhin, nur in welchem Tempo und fuer welche Zielgruppe?
Ich sehe meherere Gruende, die Social Media, wie wir sie kennengelernt haben, das Leben schwer machen.

  • Netzwerke werden exponential besser, je groesser sie werden, haben wir gelernt. Massenerfolge wie Facebook beweisen gerade das Gegenteil: Nachdem nun tatsaechlich jeder "dabei" ist, macht es keinen Unterschied mehr, ob jemand dabei ist oder nicht, fuer die Bildung spezifischer Interessengruppen ist wieder mehr Abgrenzung erforderlich und wir schleppen - das ist Vor- und Nachteil zugleich - praktisch den gleichen Kontext mit uns wie im realen Leben: Unser Gespraechspartner ist nicht auf interessante Aussagen reduziert/fokussiert, sondern wir wissen auch, was er isst, wann er aufsteht, und dass er seine Frau gern in unvorteilhaften Posen fotografiert.
    Wird das Spektrum eines Netzwerks zu breit, dann bleibt nur noch Smalltalk uebrig - zielorientierte Kommunikation erreicht dann auch Publikum, das eigentlich nicht anvisiert wurde. Das verursacht Ballast, bremst - und es wirkt unhoeflich.
    Nennenswerte Gegenreaktionen wird das noch nicht ausloesen, denn ein probates Mittel ist die Flucht nach vorne: Auf den Dialog zu verzichten - oder den Smalltalk auszubauen - bedeutet nichts anderes, als mehr auf Werbung zu setzen. Hier hat Reichweite ja noch nie geschadet; in diesem Fall ist sie sogar mit mehr Information ueber die Zielgruppe gepaart.
    Heisst das, dass grosse Netzwerke fuer Publisher und Werbetreibende interessanter werden, aber fuer User zunehmend uninteressanter?
  • Der zweite Trend beruht ebenfalls auf der Kehrseite des Erfolges: Mit der Zahl der Nutzer steigt auch die Zahl der Enttaueschten; mit der Erwartung steigt das Ausmass der Enttaeuschung.
    Die produktiven Einsatzmoeglichkeiten neuer Online Medien sind nach wie vor ueberschaubar, und sie erfordern Initiative. Blosse Aktivitaet - Erstellen und Veroeffentlichen von Inhalten - alleine reicht nicht; Vermarktung, Vernetzung, Kontinuitaet und vor allem Qualitaet sind viel wichtigere Aspekte. Egal wie bunt und trendy Verpackung und Marketing sein moegen - dahinter ist noch immer nur "das Internet", wie wir es die letzten fuenfzehn Jahre kennengelernt haben. Und hinter diesem bleibt es gar "nur" bei Inhalten, die fuer sich sprechen moechen. Wir haben grosse Erwartungen in wie Onlinemedien die Welt veraendern koennen, wie sie Kommunikations-, Informations- und Entscheidungsprozesse bewegen koennen, aber die Vorstellungen sind unkonkret und eher emotional als sachlich (auch wenn wir hier selbst in mehreren Projekten daran arbeiten, das zu praezisieren.
    Auf den Punkt gebracht, bleibt dann oft nur uebrig: "Ist das alles?"
    Neue Onlinemedien zeigen und geben uns in erster Linie Moeglichkeiten, keine Ergebnisse; sie sind Werkzeuge, keine Produkte. Brands vergehen, Kommunikations- und Arbeitsprozesse sind etwas nachhaltiger, aber nicht die Themen, mit denen sich breites, schnelles Wachstum treiben laesst.
  • Die dritte Entwicklungsschiene greift Stroemungen aus dem Enterprise-Umfeld auf: Irgendwer muss das ja bezahlen, und Enterprise 2.0 ist ein wichtiger Hoffnungsmarkt fuer neue Online Medien. Nutzen und Funktionen von Medien werden nun zusehends emotional argumentiert - es ist offensichtlich, dass es kein Entkommen vor dem Trend ghibt und dass die Nutzung Freude macht. Damit laesst sich manchmal ueberzeugen, es lassen sich aber keine Business Cases argumentieren: Spass alleine ist zu schwer messbar, um Investitionen zu foerdern.
    Aus der Erfolgswelle wird somit ein Erklaerungsnotstand - was bringt mir das noch mal wirklich? Apple bewirbt das iPhone mit Services fuer Nature-Lovers und Pizzalovers - Pizza kann man nun wirklich auch uebers Telefon (anrufenderweise, um das klarzustellen) bestellen.
    Vereinfachung ist nur bedingt ein effektiver Treiber. Wenn es um Investitionen und Veraenderungen geht, stehen Wert und Nutzen im Vordergrund - und die duerfen dann auch etwas kosten, sei es finanzieller oder Trainingsaufwand.
  • Ein vierter grosse Trend fuer 2010 ist Social Engineering Paranoia. Netzwerke und Social Media haben einige Jahre hinter sich, Informationen gesammelt - und Leichen im Keller. Auch ehemals unscheinbare Inhalte sind mittlerweile von Google indiziert, Metasuchmaschinen verknuepfen auch als getrennt angelegte Userprofile in getrennten Netzwerken und bei der Vielzahl von Profilen, die sich im Lauf der Zeit angesammelt haben, findet sich immer wieder ein missing link zwischen privat und beruflich. Information verselbstaendigt sich. Wir koennen viel gestalten, haben aber keine Ahnung, wohin sich diese Information bewegen wird und was im Lauf der Zeit und in verschiedenen Zusammenhaengen aus ihr wird. Charles Ess bezeichnet das in seinem aktuellen Buch als "fluidity of digital information".
    Das loest eine Gegenreaktion aus. Die Vorteile neuer Kontakte und erhoehter Reichweite fuer Unternehmen treten gegenueber den Risiken in den Hintergrund. Unternehmen setzen mehr und mehr dazu an, die Social Media Nutzung von Mitarbeitern einzuschraenken und sich - vor allem auch aus Haftungsgruenden - davon zu distanzieren. Weil sich aus Kontakten Konkurrenz- oder Kooperationsverhaeltnisse ablesen lassen koennten, weil zusammengefuegte Informationsbruchteile ein Gesamtbild ergeben koennen, das Mitarbeiter angreifbar oder abwerbbar macht, weil man nie weiss, welche - wenn auch vielleicht nur missverstaendlichen - Verknuepfungen sich im Lauf der Zeit ergeben.
    Nutzungssperren fuer Social Networks oder grosse Bloghoster sind natuerlich kein grosses KO-Kriterium, bremsen einen der wesentlichen Treiber - den taeglichen Tratsch - aber massiv ein. Spontaneitaet und Beilaeufigkeit der Social Media Nutzung (man sagt eben etwas, weil man ohnehin gerade vor dem Computer sitzt) leiden dadurch; wenn die Nutzung neuer Online Medien in den Privatbereich verschoben wird und dadurch mit anderen Freizeitaktivitaeten konkurrieren muss, kann das ein spannendes Experiment fuer den Stellenwert dieser Tools werden: ploetzlich werden sie fuer eine weitaus groessere Zahl von Usern als die jetzt schon professionellen Nutzer, ueber Wert und Nutzen gemessen.

Und sonst? Waehrend neue Online Medien den einen als ein schwammiger, aber bedeutungsvoller Zukunftsmarkt gelten, sind andere auf der Suche nach dem naechsten grossen Thema. Im semantischen Web sehe ich das jedenfalls nicht.
Das naechste grosse Thema sehe ich (und das ist nichts neues fuer 2010) in Problemloesungen. Wenn zu diesem Zweck trendige Tools verwendet werden - schoen. Wenn trendige Tools ihren Zweck suchen,ist das ein Problem. Aber vielleicht laesst es sich ja loesen.

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