Web vs. Apps und Toilettenbeschriftungen

Der Umstieg von über den Browser aufgerufenen Webseiten, die erst mal gefunden wedren müssen, dann aber alles - oder zumindest Links - bieten zu geschlossenen Apps, die nur sich selbst im Angebot haben, war eine der grössten Veränderungen beim Umstieg auf das mobile Web, sprich das iPhone.

Der Wandel vom offenen Web zu vielen kleinen abgegrenzten Funktionen ist aktuelles Thema im wired. Chris Anderson und Michael Wolff matchen sich mit unterschiedlichen Positionen.

"If we’re moving away from the open Web, it’s at least in part because of the rising dominance of businesspeople more inclined to think in the all-or-nothing terms of traditional media than in the come-one-come-all collectivist utopianism of the Web. This is not just natural maturation but in many ways the result of a competing idea — one that rejects the Web’s ethic, technology, and business models. The control the Web took from the vertically integrated, top-down media world can, with a little rethinking of the nature and the use of the Internet, be taken back.

This development — a familiar historical march, both feudal and corporate, in which the less powerful are sapped of their reason for being by the better resourced, organized, and efficient — is perhaps the rudest shock possible to the leveled, porous, low-barrier-to-entry ethos of the Internet Age. After all, this is a battle that seemed fought and won — not just toppling newspapers and music labels but also AOL and Prodigy and anyone who built a business on the idea that a curated experience would beat out the flexibility and freedom of the Web.", schreibt Michael Wolff.

Chris Anderson sieht auch positive Aspekte in der Kommerzialisierung: "Now it’s the Web’s turn to face the pressure for profits and the walled gardens that bring them. Openness is a wonderful thing in the nonmonetary economy of peer production. But eventually our tolerance for the delirious chaos of infinite competition finds its limits. Much as we love freedom and choice, we also love things that just work, reliably and seamlessly. And if we have to pay for what we love, well, that increasingly seems OK. Have you looked at your cell phone or cable bill lately?"

Convenience ist selbstverständlich, und sie ist das in vielen Fällen einzige Argument, mit dem User zum Zahlen bewegt werden können. Vollständigkeit, Innovation, Einzigartigkeit - das ist nett, genau dort aber wird daa offene Web immer einen Schritt voraus sein. Sicherheit, Verlässlichkeit, Bequemlichkeit sind aber weit eher Assets, die sich verkaufen lassen. Und das ist ja durchaus praktisch: Gutes Service ist leichter zu bieten als laufende Innovation. - Wenns einmal funktioniert, sind dann auch kleine Fortschritte ausreichende Verbesserungen.

Aus Usersicht: Wir mögen Vorgaben, wir haben nichts gegen Funktionen, die unserer Faulheit entgegenkommen. Der negative Ton ist hier auch unangebracht.
ABER: noch unangebrachter ist die Kombination aus dem überzeugten Pioniergetön von Ende der Neunziger (Freiheit, Vielfalt, grenzenlose Möglichkeiten - und viele lustige Begriffe, von denen damals wie heute niemand wusste, was das bedeutet und warum das wichtig sein soll) mit den klar abgegrenzten und zumindest ihrer Intention nach ausgerichteten Schrebergärten von heute.

Neben dem Wandel vom Offenen zum Geschlossenen, vom Freien zum Abgegrenzten sehe ich auch noch wesentliche Verschiebungen in den Paradigmen der Internetnutzung:

  • Innovation und ein experimenteller Zugang waren im alten Web so normal wie die Tatsache, dass der Internetzugang manchmal schlicht nicht funktioniert hat oder dass man ein paar Minuten Wartezeit in Kauf nehmen musste, um eine Flashanimation oder gar ein Video ansehen zu können. Von Userflow oder gar Crossselling keine Rede - bis das Crossselling-Angebot angezeigt worden wäre, hätte der User längst vergessen, was er eigentlich gemacht hat.
  • Vernetzung und Kommunikation waren dann neu in den Vordergrund tretende Paradigmen. Das steht nicht in einem direkten Widerspruch zu Innovation - wobei ich sehr viel von den kybernetischen Sichtweise von Information (und ihrem Trend zur Entropie) halte: Mehr Kommunikation bedeutet nicht zwangsläufig mehr Information, sondern eher die Tatsache, dass mehr Menschen vom gleichen reden. - Und weils mir gerade einfällt: Ist da eigentlich ein neuer Gedanke, dass die kybernetischen Gesetze der INformationsverteilung auch umgekehrt gelten? Information wird durch Verteilung nicht nur nicht weniger, sondern auch nicht mehr. Und unter dem Gesichtspunkt einer Ökonomie der Aufmerksamkeit betrachtet kann das dann heissen: Wenig Information, die weit verbreitet ist, verdrängt andere Information aus dem Bewusstsein - diese hat dann keinen Platz mehr in Gedächntissen, Dialogen und Suchmaschinen.
  • Dann wurde Marketing zum bestimmenden Paradigma. Das ist nicht nur ein Problem des Internet sondern generell der Kommunikation. Die Vermischung von Kommunikation und Marketing ist nur ein Schritt auf dem Weg dorthin, das Internet (das Web, Online-Apps - in diesem Fall gilt das für alle) als Marketinginstrument zu sehen.

So weit, so gut.
Warum ist das überhaupt ein Thema und warum löst das - zumindest aus manchen Perspektiven - Unbehagen aus?
Ich denke, die hier mitspielenden Fragen sind:

  • Was macht Kommunikation mit uns, was erwarten wir für uns von Kommunikation? Warum haben wir, zumindest manchmal, Ansprüche, die über Werbung hinausgehen? Und wie oft beschäftigen wir uns mit Werbung, ohne es zu merken, vielleicht auch ohne, dass es der Werbende merkt?
  • Warum wird zum ökonomischen Looser gestempelt, wer nicht mitmacht? Erfolglosigkeit im kommerziellen Sinn ist Unfähigkeit - das haben wir in unseren Köpfen drin, und alle Umgehungsversuche sind auch recht zerbrechliche Ausweichmanöver.
  • Es scheint unhinterfragt immer nur um ein Mehr zu gehen. Wovon, warum und mit welchem Ziel - das ist gar nicht so wichtig. Mehr muss dabei nicht mehr Material (Geld) bedeuten. Mehr Macht, mehr Wissen. Andere Dimensionen (breiter, tiefer) sind ander Ausprägungen des Mehr; Mehr scheint so unhinterfragbar zu sein, dass es an sich gar kein Wert mehr sein kann. Wenn es immer nur um Mehr gehen kann - wozu dann noch Mehr als Wert oder Ziel betonen? Vorausgesetzt, dass wir dieses Thema einfach schlucken - das öffnet ungeahnten Spielraum für neue Themen.

Jetzt habe ich viel geredet und wenig gesagt; die Fragen sind alle einzelne nähere Überlegungen wert.

Je verpackter und komprimierter Information ist, desto schwieriger ist sie zu lesen und desto mehr Kovention ist notwendig, um sie verständlich werden zu lassen. Vilem Flusser führt Toilettenbeschriftungen als Beispiel an: Stark vereinfachte und stilisierte Flächen lassen uns nicht nur erkennen, dass diese Tür zur Toilette führt, sie informieren auch darüber, wer sie benutzen soll und wie in etwa die Inneneinrichtung beschaffen sein wird - ohne dass es irgendeinen direkt sichtbaren Zusammenhang zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem gäbe. Und trotzdem sind die Vorteile gegenüber der Schrift nicht zu übersehen, und in der Praxis fällt es uns ja auc nicht schwer, Toilettenschilder zu entziffer. Nur wissen wir auch, warum?

Apps sind aus dem Standpunkt der Medientheorie etwas Ähnliches wie Toilettenschilder. Sie komprimieren Funktion und/oder Information, stützen sich auf Technologie und Konvention - und laden nicht dazu ein, sich mit ihren Grundöagen auseinanderzusetzen. Das ist eine Zeitlang praktisch, hat aber auch seine Grenzen.

Ich betrachte nach wie vor die Apps auf meine iPhone eher als Bookmarks in einem Browser. Für Next-Generation Internetuser ist der Browser dann vielleicht schon eher in der Feld des Programmierens statt des Anwendens angesiedelt - da muss man unter Umständen noch was tippen und nicht mehr nur klicken.
Und das berührt Vorstellungskraft, Bewegungsspielraum, Handlungsmöglichkeiten - und letztlich Freiheit.

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war sehr gut zu lesen,

war sehr gut zu lesen, danke.
Die Jagd nach dem "Mehr" war in der Zeit des Mangels ein verständliches Ziel. Und die Jäger dieser Zeit haben "uns" wohl diese Werte-Pfeile mitgegeben.
In der heutigen Zeit des Überflusses haben viele Menschen unendlich viele Pfeile zu verschießen, einigen macht scheinbar das wiederholte Spannen des Bogens keine Freude mehr.

Gerhard Schulze meint dazu: "Haben" ist Glück1 und passte in die Zeit des Wiederaufbaus, heute streben die Menschen nach Glück 2 - dem "Sein"

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