Activity Stream
Neu... |
Leben mit Wertenomaden
"I Hate Facebook" – in der T-Shirtstrecke der aktuellen Ausgabe des Magazins The Gap praesentiert ein Nachwuchsdesigner ein T-Shirt mit diesem Spruch und erklaert: "Dieses T-Shirt habe ich entworfen, weil das Phänomen der Internet-Foren viele Menschen betrifft. Ob User oder Nicht-User, mit diesem Shirt können sich meist beide Gruppen identifizieren: Die einen, weil virtuelle Freunde und Aktivitäten für sie keinen Wert haben; die anderen, weil sie bald bemerken müssen, zu welchem fast schon süchtig machenden Zeitfresser Facebook innerhalb kürzester Zeit mutiert und das wirkliche Leben überwuchert." - Wo ist das richtige Leben? In Buechern, die seit Jahrhunderten Zeit und Leidenschaft fressen? Im Beruf, im Sport, auf der Party – wo wir versuchen, etwas zu werden, das wir nicht sind, wo wir bemueht sind, mehr zu scheinen, als wir sein werden? In der direkten persoenliche Interaktion, im vertrauten Umfeld, das uns zu keine Verstellung noetigt? Dort, wo wir einfach sagen, was uns gerade durch den Kopf geht, ohne Ruecksicht auf Wirkung, Verstaendlichkeit oder genauen Inhalt – also wie in Facebook? Nur – sind wir dort nicht auf Repraesentation, Selbstdarstellung, Aussenwirkung und unsere Autoritaet ("das habe ich entworfen...") bedacht – so wie im richtigen Leben? "So kann ich nicht arbeiten" , sagt der Html-Designer. "Ich brauche klare Vorgaben und fixe Designs, sonst muss ich am Ende jeden Handgriff drei Mal machen." - Irgendwer muss die Arbeit machen. Derjenige, der den kreativen Prozess gestartet hat und Ideen vorgibt, derjeinige, der den Ideen Form und Aussehen gibt, derjenige, der dafuer sorgt, dass sie funktionieren und fuer die Anwender verstaendlich sind? Das ist eine Frage des Selbstverstaendnisses und der alltaeglichen Faulheit, die so selbstverstaendliche und erstrebenswerte Zustaende wie Teamarbeit in weite Ferne rueckt und tatsaechlich zur Abschiebung von Arbeit und Aufgaben fuehrt. Wo es "Wir" und "Die" gibt, gibt es immer auch die Moeglichkeit, Positionen und Perspektiven zu wechseln und jeder Notwendigkeit, jeder Gueltigkeit auszuweichen. Sturheit schafft Raum fuer Flexibilitaet"Wir" sind "uns" sicher. Hinter dieser kollektivistisch anmutenden Behauptung liegt pure egozentrische Flexibilitaet: Aus dem Ich ein Wir zu machen, verbreitert die Basis der persoenlichen Anschauungen und Vorlieben, verlagert die Ursache ihrer Schwankungen und Wankelmuetigkeit nach aussen und versucht, aus der eigenen Schwaeche Kapital zu schlagen. Je mehr wir sind, desto leichter faellt es uns, Positionen zu wechseln, desto groesser ist der Spielraum, innerhalb dessen wir uns bewegen koennen, ohne uns erklaeren zu muessen. Was wir als "Ich" annehmen, und zu einem "Wir" abstrahieren, was wir als Menge individueller Ideen, Entscheidungen, Einstellungen sehen, ist eine Kombination von uns unabhaengiger Wertesysteme. Unabhaengig bedeutet dabei nicht, dass diese Systeme ohne uns oder andere Traeger existieren koennen – nur sind es nicht unsere. "Jeder" kennt sie, jeder benutzt sie – das "ich" ist kein individuelles, sondern ein kollektives.
Einer einzigen Person ist es moeglich, in einem Leben (die Aufzaehlung ist willkuerlich, aber real)
Als einfacheres Beispiel: Bewohner autofreier Siedlungen in der Stadt unternehmen am Wochenende mit dem gesharten Mietauto einen Ausflug in den Nationalpark. - Dort wo man kein Auto braucht, keines zu besitzen, ist keine Errungenschaft. Auf der anderen Seite ist es dem Nationalparkbewohner (egal ob pflanzlich, tierisch oder menschlich) egal, ob der Verkehr kommerziell motiviert ist oder ob es sich um ein oekologisch korrektes Leihfahrzeug handelt. Vom ideologischen Blickwinkel aus betrachtet mag der Unterschied groesser nicht sein koennen, vom momentanen Effekt her sind sie genau gleich. Blinde Flecken als Basis unserer UeberzeugungenDie Diversitaet ist dabei oft wenigen klar. Im Moment zaehlt eine Variante, eine bestimmte Perspektive. Wir vertreten sie, als gaebe es nichts anderes, oft ohne uns dessen bewusst zu sein. Die blinden Flecke dabei sind mobil: "Die Situation der Frauen in Indien ist schrecklich", sagt A. als Zusammenfassung ihrer Vorbereitung einer Indienreise im Herbst. Sie wird dort unter anderem eine traditionelle indische Hochzeit besuchen; das Event wurde vom Veranstalter fuer die Reisegruppe eingeplant. Wir wechseln leicht Positionen und Einstellungen, sind mit uns dabei nachsichtig – und koennen das auch noch erklaeren. Alles ist eine Frage der Perspektive und des Wertehintergrunds, den wir fuer uns und unsere Umgebung voraussetzen. Dumm? Ignorant? Intolerant? - Wir doch nicht! Es muss moeglich sein, seine Meinung zu auessern, dann ist man immerhin wenigstens ehrlich. Eine Einstellung, die Berufskraftfahrer und Carsharer, unpolitische Sozialfreaks, dauerredende Mueslis und Neonazis, die "Meinungsfreiheit statt Redeverbot" plakatieren, friedlich miteinander teilen koennen. Sie besetzen aehnliche Werte temporaer und kommen dabei aus verschiedenen Richtungen. Niemand kann und will auf nur das festgenagelt werden. Jeder hat Vorbedingungen, Perspektiven, Abhaengigkeiten und eine Geschichte. Jeder ist in Bewegung. Vorausgesetzt wie das Brett vorm KopfNichts von dem, was wir sagen, kann ohne Voraussetzungen und Vorbedingungen verstanden werden, nichts ist so klar, wie wir es uns in dem Moment, in dem wir davon ueberzeugt sind, gern ausmalen. Dann prallen Werte aufeinander – mit donnernden Geraeuschen wie Bretter vor den Koepfen, die geraeuschvoll aufeinander schlagen. Nomaden sind scheinbar kontextlosEs steht also nichts fuer sich; Sinn ergibt sich in Bezuegen und diese wechseln. Das erleichtert Kommunikation nicht gerade; was bedeutet dieser Hintergrund im Zusammenhang mit Online-Medien? Respekt fuer das andere ist eine Herausforderung. Um so mehr, wenn wir das andere in seiner Beweglichkeit, Vielfalt - und in uns selbst akzeptieren wollen. Je beweglicher wir sind, desto mehr muessten wir wissen, desto mehr Kontext muessen wir miteinbeziehen. Flexibilitaet macht hier weniger unabhaengig - sie belastet und bringt mehr Abhaengigkeiten mit, ueber die wir bescheid wissen muessten. Das ist Konjunktiv. Denn was zaehlt, ist immer nur die momentae Oberflaeche - wir wissen das, was wir hier uns heute sehen koennen.
|
Aboutthe mashazine - Mission ![]() Tags
Blogs
Business
Collaboration
Controlling
Corporate Communications
Digital Media
Documentation
Enterprise 2.0
Ethik
Intranet
Kommunikation
Kosten
Management
Marketing
Media
Nutzen
Online Media
Organisation
Philosophie
Projektmanagement
Recommendation
Research
Sharing
Social Bookmarking
Social Media
Tagging
Trust
Trust Ex
Vertrauen
Wikis
themashazine.com on Facebook
Navigation |