Transformer, Augmented Reality und die Zuhandenheit der iPhone-Tastatur


Der Transformer Bumblebee ist je nach Bedarf ein schnittiger Camarro, ein freundschaftlicher Ratgeber oder ein schlagkraeftiger Kampfroboter. Ganz wie es sein Besitzer und dessen Freundin im Verlauf des Films "Transformer" brauchen. Er verwandelt sich sogar in ein aktuelleres Camarro-Modell, nachdem sich die weibliche Hauptfigur einmal beilaeufig abfaellig ueber sein Aeusseres geaendert hat
Technik ist dort, wo man sie braucht, da, wenn man sie braucht, und funktioniert so, wie man sie braucht. Bedienungsanleitungen, Umlernprozesse zwischen einzelnen Tasks und Devices fallen weg und es bleibt pure Effizienz. Die Vorstellung bleibt wohl weiter der Science Fiction vorbehalten; sie illustriert aber auch eine positive Variante der flaechendeckenden Ausbreitung von Technik und Medien in unserem Alltag.

Technik ist anders als Menschen

An dieser Stelle - bei der Reflexion ueber die Dienstbarkeit von Technik - wird oft Martin Heidegger bemueht. Mit seiner Unterscheidung des Vorhandenen und des Zuhandenen illustriert er, vor allem in den spaeteren, teilweise Technik direkt thematisierenden Texten, unterschiedliche Seinsarten. Aus einer anderen Perspektive gelesen: Er zeigt, wie wir Beziehungen zu unserer Umgebung gestalten koennen - wo wir sie ueberhaupt gestalten koennen und wo wir uns nur in den Mittelpunkt unserer eigenen Welt setzen koennen, nicht aber in den Mittelpunkt der ganzen Welt:
Manches ist vorhanden, so wie wir auch; Dinge, Lebewesen existieren und verfolgen ihren eigenen Zweck, sie sind nicht auf unse angewiesen, um Bedeutung zu haben; unsere Zuschreibungen von Bedeutung haben fuer sie nur bedingte Relevanz. Das ist die Seinsart von Menschen: Jeder ist vorhanden wie der andere auch; Beziehungen, Abhanegigkeiten, Bedeutung ergeben sich oder werden gestaltet, sie sind aber nicht durch irgendeine Notwendigkeit vorgegeben. (Heidegger ist Existenzphilosoph, er beschaeftigt sich nicht mit sozialen oder politischen Abhaengigkeiten - hier geht es um das schwindelerregende Wort "Sein", also um die Disziplin der Ontologie, nicht um Soziologie oder Ethik.)
Anderes ist zuhanden. Es wurde geschaffen, um einen Zweck zu erfuellen; es existiert als solches nur, wenn es diesen Zweck erfuellt. Ein Schreibwerkzeug, das nicht funktioniert, ist kein Schreibwerkzeug mehr - es ist Muell, Recyclingmaterial oder vielleicht - mit kleinen Modifikationen - ein praktisches Blasrohr.
Fazit: Die Verwendbarkeit macht ein Ding zu dem was es ist (oder sein soll); die vermutete Substanz, die Hintergedanken des Erfinders, spielen keine Rolle. Die konkrete Bedeutung entsteht erst in der Verwendung.
Der letzte Satz entfernt sich etwas von Heidgger und spielt auf einen anderen, von Heideggers Gedankenwelt weit entfernten Denker an: Fuer Wittgenstein entsteht die Bedeutung von Begriffen in ihrer Verwendung - ein Begriff bedeutet das, als was er eingesetzt wird. Das ist dann nicht mehr nur von seinem Sender abhaengig (was war gemeint?) sondern auch vom Empfaenger (was kommt an?) - und dieses Szenario ist von einem letztlich endlosen Regress gepraegt. Definitive Erklaerungen oder Bedeutungen gibt es nicht. Manche Dinge wir trotzdem - nur wissen wir nicht warum und koennen es nicht erklaeren (auch an dieser Stelle Werbung in eigener Sache: Mehr zu diesen Regressen in der Suche nach Bedeutung gibt es in "Wie die Tiere", der aktuellen Neuerscheinung bei kbex micropublishing.)

Was bedeutet das fuer den Transformer Bumblebee und das iPhone? "Dreht sich fuer Heidegger dieses Denken letztlich um den Willen den wertsetzenden Subjektivitaet?", fragt der Informatikphilosoph Rafael Capurro in seinem Text "Beitraege zu einer digitalen Ontologie"; erfuellt Technik ihren Zweck nur dann, wenn sie fuer jedermann verstaendlich ist und fuer jeden im eigentlichen Sinn zuhanden ist? Der Begriff "Technik" ist missverstaendlich. Spezialistenknowhow gilt und funktioniert auch dann, wenn es nur einem kleinen Kreis zugaenglich ist: Wir koennen FLugzeuge (als Passagier) benutzen, ohne etwas von ihnen zu verstehen.
Irgendwelche Schnittstellen der funktionalen Technik zur Welt ihrer Benutzer gibt es aber immer: Ich muss zwar nichteinmal wissen, wie man eine FLugzeugtuer oeffnet, aber ich muss wissen, wie man ein Ticket kauft und welchen Anweisungen man auf Flughaefen folgen muss.
Technik in dem Sinn, der Heideggeres Argumentation zu Grunde liegt (und der sich aus dem griechischen Begriff techne ableiten laesst) steht auch nicht fuer Schrauben, Programmcode oder Statik, sondern fuer einen funktional und pragmatisch gestaltenden Zugang zur Welt; das Gegenstueck zum technikos, der sich in der Welt orientieren kann, ist urspruenglich nicht der Kuenstler (und auch nicht der Geschaeftsmann), sondern der banausos - der eben keine Ahnung hat.

Ideal ist ein Stueck Technik in diesem Sinn dann, wenn es im richtigen Moment das leistet, was gerade gebraucht wird - eben wie ein Transformer. Es muss im passenden Moment zur Hand sein, und nicht die meiste Zeit ueber rumliegen.

Nur Designerkram

Mir sind oft, seit langem und von mehreren Seiten iPhones empfohlen worden. Ich wollte das nicht: Wieder ein Stueck Designerkram mehr, das mit bunten Icons, leuchtendem Display und einfacher Installation protzt, und trotzdem nichts neues bringt? Wobei ich jetzt, nach knapp einem Monat mit iPhone, sagen muss, dass vor allem die Kombination von mobiler Webcam mit mobilem Internet mit dem Touchscreen nocheinmal deutlich gewinnt. Location Based Services nehmen jetzt endlich Form an - ueber Tripwolf hatte ich am Wochenende kein Problem, im oestlichsten Burgenland ein Lokal zu finden, das auch Sonntag abend noch geoffnet ist, Wikitude zeigt sogar in der Marchfelder Einschicht jede Menge Landmarks (dank der angezapften Quellen) und auch die Sekai Cam erschliesst sich gerade langsam - auch wenn die Nutzung rund um Wien noch recht niedrig scheint.

Mobile Augmented Reality als Gassenhauer

Wikitude und Sekai Cam werden als beispielhafte Vorboten der Augmented Reality gefeiert - wir navigieren nicht mehr ueber zweidimensionale Webseiten, sondern indem wir uns im realen Raum bewegen. Die Anwendungen kennen unsere Standorte und zeigen an, was sich rund um uns befindet. Als grafisches Interface wird dazu das Bild der Webcam benutzt - das suggeriert, das die Gegenstaende selbst die Information senden. Die Daten kommen aus geocodierten Services - im Fall von Wikitude sind das Wikipedia, Quype und eigene Daten, die Sekai Cam erlaubt es Usern, direkt Bild- oder Videobeitraege mit Text- oder Tonkommentaren zu posten.
Das erfordert sehr flexible Interfaces. Wenn zu einem Punkt der durch die Kamera betrachteten Umgebung navigiert werden soll und sich die Orte der dort verstreuten Informationen nicht immer in klaren links-rechts oder oben-unten Dimensionen beschreiben lassen, ist es natuerlich der einfachste Weg, sie direkt anzugreifen. Und das verstaerkt einmal mehr den Eindruck, als waeren es die Dinge selbst, die uns jetzt ein Mehr an Information bieten.
Als Augmented Reality bieten diese Services eine weitere Perspektive auf die Offline-Welt, sie ersetzen sie nicht und es ist auch gut moeglich, ohne sie zu leben - aber es kann mit ihnen in absehbarer Zeit einfacher werden. Nils Mueller, Augmented Reality- und Outernet-Prediger des Trendforschungsbueros Trendone, vergleicht den Verzicht auf Augmented Reality mit Farbenblindheit. Man kann gut damit leben, man sieht die gleiche Realitaet - aber eben nicht alles.
Die einfache Schnittstelle des Touchscreen, der vollflaechige Darstellungsebene und funktionsreiches Steuerungselement zugleich ist, ist ein wesentlicher Schritt um komplexe Services einfach in eine Umgebung zu integrieren, in der sie sinnvoll genutzt werden koennen. Die Moeglichkeit, vermittelt ueber ein mobiles Geraet, das Haus, vor dem ich jetzt gerade stehe, beruehren zu koennen, um mehr Information zu bekommen, ist ein besonders schoenes Beispiel fuer eine neue Art von Interaktion, in der mein Tool genau jetzt genau die Rolle erfuellt, die ich im Moment von ihm erwarte. - Auch wenn sie sich besonders leicht als plakativer Schmaeh enttarnen laesst. Anstelle des Hauses selbst kann ich auch die weisse Wand des Zimmers im Nebenhaus, in dem ich mich gerade befinde, beruehren, um die gleiche Information ueber das Haus dahinter zu bekommen. - Denn die Information ist nach wie vor nicht mit den Dingen verbunden, sondern auf Webservern gespeichert und mit einem Hinweis auf ihre geographische Zugehoerigkeit verknuepft. An den Besitzverhaeltnissen und Kontrollmoeglichkeiten aendert sich also nichts; darauf moechte ich gleich noch zurureckkommen.
AR-Services lassen sich spektakulaer verkaufen, das Funktionsprinzip, nur genau jene Bedienelemente genau dort verfuegbar zu haben, wo ich sie jetzt brauche, ist aber bei einfachen Texteditoren genau so zu erkennen. Das gleiche Display ist Praesentationsflaeche und Eingabeschnittstelle, es muss nichts aufgeklappt, ausgefahren oder umgeschaltet werden, um zwischen den verschiedenen Modi zu wechseln. Ein Fingerzeig - hier moechte ich arbeiten - reicht. Ein anderes schoenes Nutzungsbeispiel sind Mindmaps: Dank der Touchscreenmoeglichkeiten lassen sich paradoxerweise gerade grosse weitverzweigte Diagramme auf dem kleinen iPhone-Display besonders gut nutzen und bearbeiten: Es kann in allen Winkeln diagonal und nicht nur in 90-Grad-Schritten rauf-runter-links-rechts navigiert werden, Vergroessern/Verkleinern ist direkt an Ort und Stelle und nicht ueber Prozentangaben fuer die gesamte Ansicht, die jedesmal wieder den aktuell betrachteten Ausschnitt aendern, moeglich.
Fazit: Substantiell bringen auch mobile Innovationen wie das iPhone nichts neues. Aber die Kombination vieler Faktoren, der Hype um das Design und die Einfachheit und die Mengendynamik in der Nutzung lassen erahnen, dass es in einer mobilen, digitalen, durch und durch vernetzten Welt auch ganz gemuetlich sein kann. Technik, die so funktioniert, ist tatsaechlich zu unseren Handen; sie nutzt uns und funktioniert. Ohne seine Gestalt zu veraendern, passt sich das Device an wie ein Transformer: mal Praesentationsflaeche, mal Eingabegeraet, mal Dokumentationstool, mal Produktionstool.

Vernetzung loest den Prduzenten als gestaltenden Faktor ab

Damit ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende. Die einfache, ueberall moegliche Nuztung mit grosser Reichweite macht den User auch zum Opfer, zum abhaengigen Objekt. Die Flexibilitaet geht ueber die Oberflaeche hinaus und suggeriert Anpassung - alles funktioniert so, wie wir es brauchen. Intensive Vernetzung - der Datenaustausch zwischen Services wird leicht verstaendlich visualisiert - erzeugt mehr Bedeutungsoptionen und mehr Relevanz, Information kann in mehreren Zusammenhaengen genutzt werden und ist dadurch wichtiger. Der Eintrag in einem Firmenverzeichnis oder Locationfinder war bisher eher ein probates Mittel, das eigene Unternehmen zu verstecken als es zu promoten. Sichtbar war es nur fuer jene, die in genau diesem Service nach passenden Kriterien gesucht haben. Jetzt sehen es auch andere User, die zufaellig in der Gegend sind und sich gerade anzeigen lassen, was rundherum los ist, auch wenn sie gerade nach etwas ganz anderem suchen. Und sie sehen womoeglich auch gleich, wie es hier aussieht...
Auch wenn die Daten nicht bei den Dingen sind, entsteht hier eine neue Art der Begegnung von Information und Realitaet, in der nicht der Produzent der gestaltende Faktor ist, sondern die Vernetzung.
Die Direktheit und Fluessigkeit, mit der wir Information so wahrnehmen und bearbeiten koennen, beschleunigt auch die Konsequenzen: Wir koennen schneller etwas uebersehen (auch wenn wir es sonst vielleicht gar nicht gesehen haetten), wir koennen schneller Zusammenhaenge herstellen, und es entstehen schneller Zusammenhaenge, die wir urspruenglich gar nicht gesehen haben; die entstehen auch ohne uns. "Fluidity of Information" ist ein Begriff, den der amerikanische Philosoph Charles Ess gepraegt hat, um die schnelle Wandelbarkeit, Transportierbarkeit und Verformbarkeit digitaler Infomation zu kennzeichnen.

Transparenz und weniger Verstecke

Jetzt wird es spekulativ - aber vielleicht ist das eine Richtung, weitere Modelle und Analyseszenarien zu entwickeln, die beim Verstaendnis technischer Moeglichkeiten und der Extrapolation ihrer Entwicklungen helfen. Fluessigkeit ist eine haptische Metapher, die mit Beruehrung und Unberuehrbarkeit spielt und auch darauf baut, dass digitale Information keinen Ort und keinen Koerper hat. Sie laesst sich schnell veraendern und transportieren.
Angreifbarkeit ist eine andere Metapher, die einen Koerper voraussetzt. Inwiefern setzt Fluessigkeit Angreifbarkeit voraus? - Fluessigkeit als koerperlos zu betrachten ist zu kurz gegriffen und sicher nicht in Ess' Sinn (und schlichtweg falsch). Auch die bewegliche und dynamische Information ist angreifbar, sie ist mit Orten und konkreten Gegenstaenden verbunden - sie braucht das, um Sinn und Bedeutung haben zu koennen. Die Sichtbarkeit dieser Zusammenhaenge ist nicht immer die beste - durch plakative Visualisierungen (wie sie die geocodierten Services bieten) - aendert sich das rapide. Und dank des Touchscreens heisst das dann: Durch beruehren, angreifen erhalten wir Information von Gegenstaenden.
Der Begriff der Angreifbarkeit enthaelt auch eine bedrohliche Seite, wenn er passiv auf uns angewendet wird: Wir, die Informationsbestandteile, die wir hinyterlassen haben, koennen direkt angegriffen werden. Durch den direkten Zusammenhang unserere (von uns gesendeter) Information mit unserer Umgebung sind wir selbst angreifbarer als je zuvor.
Vernetzung, das Anzapfen unterschiedlicher Quellen, ist urspruenglich ein abstrakt technischer Vorgang. Ueber Mediengrenzen hinweg ergeben sich dadurch aber neue Zustaende von Information, die einerseits praktisch sind, aber auch ihre Kehrseite haben: Der Blick durch eine Kamera auf deren beruehrbares Bild schafft ein Form von Transparenz, die nicht immer angenehm ist - und fuer beide Seiten gilt.
Praktische Ttechnik ist nicht nur fuer uns zuhanden sondern fuer alle, die das moechten. Es gibt weniger Plaetze zum Verstecken.

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iPhone Zuhanden

Sehr interessanter Artikel.

Ich beschäftige mich auch ausgiebig mit dem Thema. Wir programmieren Apps für das iPhone und andere Smartphones unter dem Namen Zuhanden, siehe www.zuhanden.de

Heidegger's Zuhandenheit war ausschlaggebend für den Namen. Ich bin sehr gespannt, mehr zu dem Thema von Ihnen zu hören.

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