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Userinterface 2020 – Machen wir doch gleich Gedankenübertragung

Touchscreens waren mal Zukunft – und ein lästiges Ärgernis. Meine erste Erfahrung mit den frühen Vorläufern geht zurück an den Anfang der 90er, als nich nicht jeder Schüler mit Smartphone und Internetzugang ausgestattet war, und fortschrittliche Institutionen wie die Universität digitale Informationen auf Touchscreenterminals in den Bibliotheksgängen bereitstellte. Die Dinger waren eine Katastrophe: Meist kaputt, schwer verständlich, und schwer bedienbar – es war einfach schon unklar, ob man nur berühren oder drücken musste, ob alles abgestürzt war oder nur mal länger lud.


Gute Userinterfaces können mehr. Mein Augenmerk, vor allem wenn es um Onlinemedien geht, dabei liegt auf einem ziemlich engen Begriff von User: Das ist für mich jemand, der etwas verwendet, um einen Zweck oder ein Ziel zu erreichen. Der Rest sind Konsumenten. Das schliesst dann durchaus auch mal einen Grossteil der fröhlichen tastenden und wischenden i-Nutzer aus. “Nur mal schauen” gilt noch nicht als Zweck oder Ziel.
Und dabei habe ich eine ziemlich feste Meinung, die für mich eine der ersten Grundlagen und Gesetzmässigkeizen im Applikationsdesign ist: Jede Anwendung, jedes Userinterface ist einfach – bis ein bestimmter Zweck damit erreicht werden muss. Das heisst auch: Mäuse, Tabs, Cursors, Tastaturen, Touchscreens, holographische Steuerungsflächen, Spracherkennungstools und bewegungsgesteuerte Interfaces werden diese Frage nicht entscheiden. Schön, dass es all das gibt. Solange die Konzepte aber isoliert voneinander arbeiten und auch in sich noch einmal in mehrere Inseln gespalten sind, wird keine Anwendung über den Luxus eines immer passenden Bedienkonzepts verfügen.
Auf Grund einer aus Erfahrung entwickelten leichten Allergie gegenüber Einwändern wie “Das ist nicht benutzerfreundlich”, “Das muss einfacher gehen” oder “Dieses slicke Web 2.0-Tools, das ich letzte Woche mal kurz ausprobiert habe, hatte eine viel bessere Usability” bin ich sowieso der Meinung: Die Zukunft liegt in der Gedankenübertragung. Erst wenn Texte, Bilder, Abläufe rein meditativ gestaltet und optimiert werden können, wird’s vielleicht mal einfach genug sein. – Und man braucht gar nicht an HAL aus der Odyssee denken, um die Schattenseiten zu sehen: Autocomplete, Autokorrektur und andere Formen des frühdigitalen Gedankenlesens sind in ihrer vorgeblich mitlernenden Besserwisserei ähnlich katastrophale Aggressionsauslöser wie die frühen Touchscreens…
Und ohne Spass? Userinterfaces sind ein Mittel zum Interaktionsdesign. Und Interaktionsdesign ist von den angestrebten Zielen abhängig. Das heisst: Neue Userinterfaces sind Bruchstücke, die aber trotzdem in Summe und im Lauf der Zeit dazu beitragen werden, dass eines Tages in Vergessenheit gerät, was lange Standard war – bis es als Retro-Gadget in Form von Wählscheiben-Apps und USB-Telefonhörern zurückkehrt. Dass mehr dran sein kann, weiss man spätestens, seit Technik- und Medienphilosophen in wandelbaren Touchscreens die greifbare Illustration von Heideggers Zuhandenheit als wesentliches Charakteristikum von Technik sehen. – Mit den Transformers hätte man das übrigens auch argumentieren können…

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