Tales from the Gym – Schluss mit dem Wachstumswahn

Wir hatten das schon öfter: “Was nimmst Du?”
Mein Freund Sasa, der sich mit seinen 85 Kilo neben seinem Freund Pujan mit dessen 105 Kilo als magersüchtig bezeichnet, sagt: “Jetzt nehm ich nur Kreatin, sonst nix. Eiweissshakes natürlich, und eine Kalorienschocktherapie habe ich jetzt gemacht: Vier Wochen lang mindestens 4000 Kalorien täglich.” Masse und Macht geben ihm recht; Fliegende mit 37,5 Kilo als Trainingsgewicht muss man erst mal nachmachen.
Wären da nicht noch die Hormontabletten. “Ich hab die bestellt, aber ich trau mich da nicht drüber”, sagt Sasa. Kein Problem sagt Pujan, der so rundum muskelrund ist wie ein junger Pitbull, und auch so behaart, “Ich nehm die schon lange.”
“Hast du auch schon mal aufhören probiert?” frage ich. “Das ist keinProblem, du stellst dich bald wieder um…”
Sieht nicht jeder so. “Ich hab zwei Jahre gebraucht, um wieder genug eigenes Testosteron zu produzieren”, sagt ein befreundeter Ex-Wettkampf-Bodybuilder. “Und das waren die schlimmsten Depressionen, die man sich vorstellen kann. Ohne Testosteron kein Sexualtrieb und ohne Sexualtrieb geht gar nichts – nicht einmal Fernsehen.” Für diesen Zustand bräuchte man gar nicht so hart zu trainieren, sagen böse Zungen, ein paar Jahre Ehe täten’s auch.
Trotzdem: Finger weg von Hormonen und überhaupt von jeder Zufuhr körpereigener Stoffe oder solche Stoffe, die der Körper selbst produzieren sollte. Aber die Selbstverständlichkeit, das immer und überall Wachstum für jeden möglich sein muss, verwandelt sich zu einer Plage, die sich eben immer weizter ausbreitet: Von Unternehmenskennzahlen über Vorstellungen von Lebensstandard, Reihenhaussiedlungen in Phantomstädten oder Baulandumwandlungen in unberührter Natur eben bis hin zum eigenen Körper.

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