Zinsen beziffern den Wert unserer Wünsche für uns, sagen Zinstheoretiker. Was wir schneller wollen, kostet extra, mit Verzicht lässt sich Geld verdienen – aber nur, wenn andere hübsch gierig bleiben. Zentralbanken und Finanzmärkte bestimmen also, wie wichtig und dringend unsere Wünsche sind? Und wie sähe die Finanzpolitik eigentlich aus, wenn Geld einmal nicht mehr das Allheilmittel für eh alles wäre?

Jemand hat etwas, dass er so wenig braucht, dass er es anderen überlässt, aber nur leihweise – und diese zahlen dafür enorme Summen. Was in der abstrakten und vereinfachten Beschreibung ziemlich schräg klingt, ist einer der Grundpfeiler des Finanzsystems und des Eigentumsbegriffs: Die erwähnten enormen Summen kennen wir als Zins. – Ein Phänomen, das so selbstverständlich geworden ist, dass kaum noch bewusst ist, dass die Zinstheorie als Erklärung und Begründung eben dieses Phänomens vor nicht allzu langer Zeit ein beliebter Ökonomensport war. Heute kehrt sich das Bild langsam um: Nicht mehr hohe Zinsen als Kostenfaktor stehen m Vordergrund, sondern niedrige Zinsen bringen die Gefahr der Geldentwertung, sagt man – und damit offenbart das Konstrukt seine ganze Raffinesse: Das Wirtschaftssubjekt sollte sich wünschen, mehr (Zinsen) zahlen zu dürfen, damit auch sein Geld eines Tages mehr wert wird. Dumm nur, wenn er keines hat…
Alle setzen voraus, dass wir immer mehr wollen. Das ist zweifellos so – allerdings stellt sich öfters die Frage, wie lange das so sein kann: Immer mehr für immer alle? Oder immer mehr für die Schnellsten und Stärksten? Oder “mehr” als kurzfristiges Ereignis, das schon morgen wiederholt werden muss? Die zentralen Elemente der Finanzbranche heute – Tranig und Riskmanagement – sind Paradebeispiele von Tempo und Kurzfristigkeit, auch wenn sie sich anders verkaufen: Trading als Geldbeschaffung zielt auf den Gewinn heute. Was morgen ist, oist insofern irrelevant, weil der Gewinn dann auch anderswo gemacht werden kann. Und Riskmanagement, das sich mit langfristigen Entwicklungen, Einschätzungen und Perspektiven beschäftigt? Entscheidungen werden kurzfristig und im Akutfall getroffen: Ins Negative abdriftende Investments werden abgelehnt oder, wenn es zu spät ist, weiterverkauft. Verschwindet dadurch das Risiko? – Im allgemeinen wächst es – und es sucht sich wie ein Parasit den nächsten Wirt, bis es ausbricht.
Was hat das mit Zinsen zu tun?
Gewinn entsteht durch Zinsen – hier ist das Motiv, Risiken einzugehen.
Markt-Mystiker wie Adam Smith nutzen das als Ausgangspunkt für recht krasse Thesen: Wo der größte Bedarf herrscht, wird der höchste Preis gezahlt. Wer auf den höchsten Gewinn abzielt und die profitabelsten Nischen bedient (sei es durch Produkte oder durch Kapital), ist also nicht gierig, sondern wahrhaft altruistisch: denn er stillt ja den größten Bedarf. Und stellt – durch seine Gewinne – sicher, dass er das auch langfristig tun kann. Insofern sind Zinsen also ein Garant dafür, dass Kapital sinnvoll dort genutzt wird, wo es am dringendsten benötigt wird. Dass Notwendigkeit nicht immer mit Bonität einhergeht, steht auf einem anderen Blatt. – Aber wo Bonität fehlt, ist die Notwendigkeit, in deser Rahmen, nicht gerechtfertigt: Das Projekt ist nicht ökonomisch nachhaltig, also nicht lebensfähig…
Das beschreibt die Sicht von Investoren und die ausgleichende Funktion von Zinsen – ausgleichend insofern, als Kapital sich dorthin verteilt, wo es wächst, nicht dorthin, wo es fehlt.
Wie sieht es aus Sicht von Konsumenten aus? Besonders schön finde ich, dass zwei österreichische Ökonomen Zinsen recht unverhohlen mit Faulheit, Gier und Bequemlichkeit begründeten: Eugen Böhm-Bawerk, der ja zuletzt noch den Schilling-Hunderter zierte, erklärt Zinsen als Trostpreis für die Verschiebung von Konsum: Ich leiste mir jetzt nicht, was ich mir leisten könnte und vielleicht auch wollte, sondern verleihe stattdessen das Geld (oder lege es in Sparprodukten an und lasse die Bank das Verleihen erledigen). Dafür möchte ich später mehr davon haben. Zinsen bepreisen also die Differenz zwischen Spass (durch Konsum) jetzt und Spass zu einem späteren Zeitpunkt. Sparer verschieben den Spass und kassieren dafür, Kreditnehmer sichern sich den Spass sofort und bezahlen dafür.
Ludwig Mises sieht es ähnlich: Menschen wollen immer irgendetwas, und zwar sofort. Wer hungrig ist, will jetzt essen, und nicht in zwanzig Jahren. Deshalb ist uns eine bestimmte Menge eines bestimmten Gutes jetzt mehr wert als die gleiche Menge des gleichen Gutes später. Zinsen gleichen nun diese Wertdifferenz aus: Wenn wir Geld liegen lassen, muss es mehr werden, damit es später für uns immer noch den gleichen subjektiven Wert hat. Wenn wir Geld leihen, sind wir bereit, mehr dafür zu bezahlen, weil der erhoffte Vorteil uns jetzt mehr wert ist.
Schade nur, dass wir keinen Einfluss auf diesen Wert haben. Ja/Nein-Entscheidungen sind die einzigen Optionen, der Rahmen wird vorgegeben. Damit bestimmen also Zentralbanken über das Mass an Spass, dass wir haben sollen? Und sie geben auch vor, ob und wie oft wir wann Spass haben sollen? – Niedrige Zinsen machen Sparen unattraktiv und sollen dazu verleiten, Geld auszugeben. Durch den Zusammenhang von niedrigen Zinsen und Inflation heisst das auch: Es bleibt gar nichts anderes übrig, denn für später bleibt buchstäblich nichts mehr übrig…
Und tatsächlich blöd wäre, wenn dieser Kreislauf einmal nicht mehr funktioniert: Was, wenn niedrige Zinsen als günstiger Preis von Geld einmal nicht mehr dazu führen, dass wir es mit Freuden ausgeben – sondern dazu, dass wir es gar nicht mehr haben wollen? Solange wir irgendetwas anderes wollen, brauchen wir es allerdings. Darauf hat schliesslich Keynes seine Zinstheorie ausgebaut: Geld ist so unglaublich praktisch, weil es jeder haben will, weil es universell einsetzbar ist, keine Lagerhaltungskosten verursacht und auch sonst kaum negative Folgen hat. Deshalb brauchen die, die es haben, starke zusätzliche Motivation, um es jenen zu leihen, die es nicht haben.
Ein Gedankenexperiment, dass angesichts erster Negativzinsen gar nicht mehr so utopisch ist: Was, wenn der Besitz von Geld einmal negative Folgen hätte? Oder, vielleich weniger polarisierend ausgelegt: Was, wenn laufende Spekulations- und Anlageverluste einmal nicht mehr zum Versuch führen, durch mehr vom Gleichen oder schlichtes Aussitzen die unerwünschten Reaktionen zu beseitigen oder wettzumachen? Wenn sich Verhältnisse so weit verkehren, das Geld einmal schlicht nichts mehr wert ist, sondern nur noch ein schlichtes Mittel zum Zweck? Ansätze dazu, denke ich, haben wir schon erlebt. Die Dressur toter Pferde, die Reanimation scheintoter Ideen, die Analyse einer untoten Wirtschaft John Quiggin in “Zombie Ecomonics” beschreiben das. – Wenn sich dieses Rad einmal wirklich nicht mehr dreht, haben wir wahrscheinlich noch viel mehr zu erwarten…
Kann die Welt es sich leisten, auf Gier als die Tugend des 21. Jahrhunderts zu verzichten?








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